gelesen & geschätzt (17/2015)

Lynn Hunt interpretiert die Geschichte der Menschenrechte,

mit einem sehr optimistischen Ton für die Zukunft.

Dabei bleiben manche Fragen offen, aber viele werden angesprochen.


Das letzte Wort hat das Richtige.


Rezension zu: Hunt, Lynn, Inventing Human Rights. A History, New York: W.W. Norton 2007

Es gibt etwas an den Menschenrechten, das uns ehrfürchtig erstarren lässt. Der Rechtshistoriker Stephen Moyn nannte sie in seinem Buch „das letzte Utopia“, und darin schwingt der Grundgedanke mit, dass sie uns träumen lassen.

Das mag daran liegen, dass sie uns als letzter absoluter moralischer Wert erhalten geblieben sind, in einer Gesellschaft, die grundsätzlich eher einer Ethik folgt, die von Situation zu Situation angepasst werden muss. Gegen die Menschenrechte will sich niemand wenden.

Warum auch?

Sie sind für viele von uns der Grund, dass „die Gedanken frei“ sind, sowohl in ihrer Entfaltung als auch ihrem Ausdruck. Auf ihnen baut nicht nur ein Großteil unserer Geistesgeschichte auf, für sie sind auch viele unserer großen Vorbilder gestorben oder zumindest verfolgt worden.

Und deswegen haben die Worte „We hold these truths tob e self-evident“ einen fast-spirituellen Wert, wenn sie verlesen werden.

Ich erinnere mich daran, wie ich mit ein paar Freunden vor einiger Zeit in D.C. vor der Unabhängigkeitserklärung stand, jenem ersten großen Ausdruck allgemein-gültiger Menschenrechte, und wie die ganze Umgebung, alles daran, sich wie eine geistliche Erfahrung angefühlt hat.

Das letzte Utopia.

Abgesehen von dem weit-gefächerten Respekt, den die Menschenrechte also genießen, sind und bleiben sie ein Mysterium. In zweifacher Hinsicht.

Zum einen ist da die philosophische Frage ihrer Begründung und ihrer Konsistenz. Das meint: Woher wollen wir überhaupt wissen, dass es so etwas gibt wie allgemeine Rechte, die mir zustehen, nur weil ich Teil der Spezies Homo Sapiens bin? Schon Jefferson hat sich bei der Begründung bedeckt gehalten (Selbstevidenz usw.). Außerdem stellt sich natürlich die Frage, ob sich bestimmte Menschenrechte nicht eigentlich widersprechen – wie das Recht aus freie Meinungsäußerung (UN-Erklärung Art. 19) und das Recht auf Religionsfreiheit (Art. 18). Die Debatte darum, ob wir alle Charlie Hebdo sind oder nicht, hat uns das zur Genüge gezeigt.

Zum anderen besteht die Frage ihrer historischen Legitimation. Immer wieder prangern Menschen überall an, dass die Menschenrechte ein Relikt eines westlichen Übermachtsanspruchs sind – ein letzter Versuch im Grunde, die eigene Kultur kolonialistisch durchzusetzen. Besonders in Bezug auf den islamischen Raum und die Religionsfreiheit wird das gerne als Argument benutzt.

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Lynn Hunts geschichtliche Untersuchung der Entwicklung der Menschenrechte Inventing Human Rights ist bei der Beschäftigung mit diesem Themenkomplex ein erstklassiges Buch, um in das Thema einzusteigen.

Sein besonderer Wert kommt aus der ausschließlichen historischen Perspektive, in der das Buch geschrieben wurde. Lynn unterrichtet moderne europäische Geschichte an der angesehenen University of California in Los Angeles (UCLA) und hat sich in ihrer Forschung auf die Wirkungsgeschichte der französischen Revolution spezialisiert. Gleichzeitig befasst sie sich mit der rechtlichen Stellung von Minderheiten weltweit.

Von diesen Forschungsgebieten her ist es dann auch nachvollziehbar, dass sich Lynn vor allem auf amerikanische und britische sowie französische Quellen beruft, wenn sie die Geschichte der Menschenrechte erzählt. Der Blick geht immer wieder auch in den deutschsprachigen Raum, bleibt hier aber recht dünn. Obendrein befasst sie sich fast ausschließlich mit der westlichen Welt – Europa und den USA – während der arabische Raum sowie Fernost, Afrika oder der südamerikanische Kontinent in der Darstellung keine wirkliche Rolle spielen. Mit Blick auf die besondere Betonung des Naturrechts für die Entwicklung der Menschenrechte ist das schade, wenn man der ähnlichen Bewegungen – teilweise früherer Zeit – in der arabischen Philosophie gedenkt. Auch ein Blick in die südamerikanischen Staaten und die dort entwickelte Befreiungstheologie wäre sicher hilfreich gewesen.

In der gegenwärtigen Form verhärtet das Buch leider den Eindruck, dass die Annahme allgemeiner Menschenrechte eine westliche Erfindung war, zutiefst eingebettet in die europäische Geistesgeschichte.

Damit bleibt die Frage bestehen, in wie weit sie bindend sein können für die ganze Welt.

So betrachtet ist auch der Ausblick unklar, den Lynn am Ende des Buches gibt. In wie weit dürfen wir, so westlich betrachtet, Homosexuellenrechte in islamistisch regierten Ländern wie Saudi-Arabien fordern? In wie weit kann man die körperliche Unversehrtheit von Kindern in Kambodscha fordern, wo die sexuelle Ausbeutung von Kindern durch Sextourismus eine schaurige Dimension angenommen hat? Das können – und sollten! – wir nur, wenn die Menschenrechte einen bindenden Charakter haben, über die kulturellen und religiösen Grenzen hinweg.

Ansonsten bleibt dann rechtlich nicht viel mehr Grundlage als die UN-Menschenrechtserklärung von 1948, die zwar jedes Land unterschreiben muss, das sich der UN zugehörig fühlt, aber eine dünne Grundlage für weitreichende Forderungen liefert.

Eine größere Einbettung in eine weltweite Geistesgeschichte hätte der Zielrichtung des Buches dabei sicher gut getan.

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Faszinierend war aber vor allem der Grundtenor des Buches, der besonders im letzten Kapitel über das „kurze 20. Jahrhundert“ deutlich wurde und den klangvollen Untertitel „Why Human Rights failed, only to succeed in the long run“ trägt (Warum die Menschenrechte gescheitert sind, nur um auf lange Sicht erfolgreich zu sein).

Damit angedeutet ist, was die ganze Interpretation der Geschichte von Lynn trägt – und das ist der endgültige Erfolg des Richtigen. Es war erfrischend zu lesen, mit welcher Selbstverständlichkeit die Autorin von der absoluten Gültigkeit der Menschenrechte ausgeht.

Hier war nichts zu spüren von der landläufig verschrienen Beliebigkeit, die sich in der Postmoderne breitmachen soll.

Bei den Menschenrechten, das ist die Essenz, stehen wir auf sicherem Boden, wenn wir uns mit den großen Fragen der Moral beschäftigen.

Und weil das so ist, werden sie sich letztlich auch durchsetzen.

Damit angedeutet ist der inhärente Gedanke eines „Naturrechts“, dass es nicht zerstört werden kann. Es existiert von Natur aus; und selbst wenn es nicht beachtet wird, über Jahrtausende unterdrückt sein sollte – es ist.

Dieser Gedankt gibt dem Buch einen bemerkenswert hoffnungsvollen Grundton, der von der letztendlichen Durchsetzung der Menschenrechte ausgeht. Es mag noch etwas dauern, und wir werden noch weiterhin Kämpfe führen müssen, an vielen verschiedenen Orten. Aber letztlich wird nichts die Durchsetzung der Menschenrechte aufhalten können.

Einfach, weil sie richtig sind.

Dieser Gedanke, so verlockend er ist, birgt aus meiner Sicht auch einige Gefahren, die ich hier natürlich nur anreißen kann.

Der fast schon blinde Glaube an den Fortschritt, der damit einhergeht, ist zum einen blauäugig, kann uns aber auch deterministisch zur Untätigkeit verdammen. Die Frage stellt sich dann nach den treibenden Kräften hinter dem Fortschritt – wäre das im Sinne Hegels eine Art Weltengeist, oder sind wir es selbst, wie Hegels Schüler Marx und Engels dann angenommen haben. Das eine führt zur Untätigkeit, das andere hat wenig menschenrechtlich Sauberes nach sich gezogen.

Und aus speziell theistischer und christlicher Perspektive ließe sich fragen, woher wir diese Sicherheit nehmen, dass das Gute am Ende gewinnt – und dabei sei einmal nicht das absolute Ende gemeint. Was lässt uns, als christlicher Sicht, an einen Fortschritt des Richtigen mit der Zeit glauben? Wright hat in Von Hoffnung Überrascht ein überzeugendes Kapitel dazu geschrieben, in dem er diesen Gedanken nicht nur geistesgeschichtliche einordnet, sondern auch substanziell in Frage stellt.

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Das letzte ist natürlich eine mehr ideologische Kritik. Aber die muss sich ein Buch gefallen lassen, dass die Historie auch durchaus ideologisch interpretiert, daraus auch keinen Hehl macht.

Meistens sind es aber ja gerade solche Bücher – neue Blickwinkel, Dinge, die man vorher nicht oder ganz anders gesehen hat – die den Boden bereiten für neue, aufregende und Horizont-weitende Gedanken.

Deswegen ist Lynns Buch für jeden eine absolute Empfehlung. Die Beschäftigung mit den Menschenrechten wird im Angesicht der schwelenden Debatte um Sterbebegleitung, und auch den Zustrom von mehr Flüchtlingen als je zuvor auf den europäischen Kontinent von essenzieller Bedeutung, wenn man sich ein eigenes Bild der Lage machen will.

Und nur wenn wir unseren Verstand benutzen, um unsere Ethik zu bestimmen, nicht unsere Bäuche, Herzen oder Genitaltrakte, haben wir eine Chance darauf, dass am Ende das Richtige sich durchsetzt.

 

Gnade, und Frieden, und alles.

 

MBH

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