gelesen & geschätzt (16/2015)

Rowan Williams definiert Christsein an vier Handlungen

Taufe, Bibel(lese), Abendmahl und Gebet.

Er gibt dem ganzen eine Tiefe, aber die Definition überzeugt mich nicht.

Vom praktischen (!) Leben eines Christen


Rezension zu: Williams, Rowan, Being Christian. Baptism Bible Eucharist Prayer, London: SPCK 2014


Dass ein Christ zu jeder Zeit bereit sein sollte, für den eigenen Glauben Rechenschaft abzulegen, ist nicht nur eine Aufgabe, die uns Petrus kurzerhand mit auf den Weg gegeben hat (1Pet 3,15), sondern wird mit der zunehmenden Säkularisierung auch immer weniger vermeidbar. Dass die eigene Religion einen Einfluss hat auf Leben und Denken sollte nicht erklärt werden müssen, wird aber im Kontext eines Kulturchristentums immer weniger selbstverständlich.

Wenn man nüchtern betrachtet, wer sich selbst als Christ sieht, erkennt man schnell zwei unterschiedliche Definitionen davon, was dieses uralte Wort eigentlich bedeutet. Während die einen darunter eine recht fest gefasste Form der Frömmigkeitsauslebung verstehen (Bibellese, Gebet, kein Sex vor der Ehe, Jugendgruppe am Freitagabend), spielt für die anderen eher der grundsätzliche Glaube an eine transzendente Wirklichkeit (denke: Gott) und ein gewisses kulturelles Erbe eine Rolle. Ich überspitze, natürlich.

Dass es so weit gekommen ist, hängt wohl auch damit zusammen, wie das Wort „Christ“ über viele Jahrhunderte in der Gesellschaft gefüllt wurde. Eine Volkskirche bringt eben auch ein Volk von Kirchengliedern hervor. Gleichzeitig gibt es wohl bei jeder Interessens- und Weltanschauungsgemeinschaft immer solche, die sich durch besonderen Eifer hervortun wollen.

Aber stellen wir uns vor, es gäbe eine Gemeinschaft von Vegetariern, die gelegentlich gerne Fleisch essen, aber grundsätzlich vom vegetarischen Lebensstil überzeugt sind. Gleichzeitig sind selbst eingefleischte Vegetarier wohl ziemlich genervt von dem Kerl, der auch noch am soeben selbst gepflückten Maiskolben Fleischreste erkennen will.

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Wo in Westeuropa diese beiden Extrempole existieren, wenn es um die Definition eines Christen geht, meldet sich mit Rowan Williams der ehemalige Erzbischof von Canterbury zu Wort mit seinem Buch Being Christian. Williams ist nicht nur ein äußerst angesehener Theologe, sondern in seiner Rolle auch der ehemalige Vorsitzende einer der ältesten und größten protestantischen Kirchen der Welt. Hinzu kommen eine erstaunliche Breite von Wissen und Belesenheit, sowie eine charmante britische Hochkirchlichkeit, die dem Buch gleichzeitig eine gebildete wie auch charmant-snobistische Aura verleiht.

Das Buch besteht aus überarbeiteten Vorträgen, die Williams in der Canterbury Cathedral gehalten hat, und auf diese Weise einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden sollen.

Die Frage nach der Identität des Christen richtet er auf vier Dinge aus, die er als „most obvious“ empfindet, wenn man die Frage beantworten will: „What are the essential elements of the Christian life?“ (S. ix) Diese sind in der Reihenfolge: Taufe, Bibel, Abendmahl und Gebet.

Die Auswahl mag auf den ersten, freikirchlichen Blick überraschen. Wenn man aber den besonderen Fokus der anglikanischen Kirche auf die Sakramente bedenkt, wird sie aber schnell einleuchtender. Für Williams steht die Taufe am Anfangspunkt des eigenen Weges mit Christus, ist die Bibel das Kommunikationsmittel der Christen, ist das Abendmahl der Moment größter Intimität mit dem anwesenden Christus und ist das Gebet die individuelle Verbindungsmöglichkeit des Christen mit Gott.

In seiner Einfachheit ist das ein sehr faszinierendes Bild, das zu malen sich sicher lohnt. Es fokussiert sich dabei natürlich fast ausschließlich auf die kirchlichen und individuellen Handlungen. Gleichzeitig erklärt auch Jörg Lauster in Die Verzauberung der Welt die Sakramente zu zentralen Pfeilern der Ausbreitung des Christentums.

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Offensichtlich lässt sich daran aber auch kritisieren, dass die historischen Bekenntnisse, die sintemal als Eckpfeiler christlicher Frömmigkeit galten, keine Erwähnung finden. In Williams Definition des „christlichen Lebens“ fühlte sich zweifellos ein Markionit, ein Arianer, und auch ein Gnostiker pudelwohl.

Das bedeutet nicht, dass Williams sich der langen Tradition christlicher Theologie verwehrt. Er ist sich dieser sogar erfrischend bewusst. Man kann es als eine besondere Stärke des Buches bezeichnen, dass es neben kurzen exegetischen Passagen vor allem von einer erstaunlichen Sensibilität für die traditionsreiche Frömmigkeit alter Kirchen geprägt ist. In diesem Sinne schwimmen im Lauf des Buches immer große Abschnitte über die Entwicklung bestimmter christlicher Thematiken innerhalb der christlichen Kirche vorbei. Besonders im Kapitel über das Gebet gibt sich der Autor nicht mit klassischen Beschreibungen einer von Individualismus geprägten Frömmigkeit zufrieden, und die Betrachtung der Gebetslebens Origines, Gregor von Nyssa und Johannes Cassianus geben diesem Kapitel eine erstaunliche Tiefe.

Umso überraschender ist die Abwesenheit historisch-theologischer Diskussionen, was die Identität des Christen angeht.

Meine Vermutung geht dahin, dass dieses Versäumnis dadurch erklärt werden kann, dass der Autor seine Leser als Christen vermutet hat; eine Diskussion über den Stellenwert der Dreieinigkeit Gottes oder dem Sühneopfer Christi war an diesem Punkt dann nicht von Bedeutung.

Trotzdem verwundert das merkwürdige Fehlen jeden Hinweises auf das Kernstück reformatorischer Frömmigkeit, auf die sich ja auch die anglikanische Kirche zurückführt – das Evangelium in Form der Stellvertretung Jesu für uns am Kreuz. Weder bei der Begründung der Taufe noch beim Abendmahl findet sich auch nur eine Erwähnung dieser zentralen Annahme christlicher Spiritualität.

Ich empfand das als ziemlich ermüdend.

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Diese Ermüdung spielte sich allerdings auf einem generellen Level ab. Abgesehen davon ist dieses kurze Büchlein eine Fundgrube geistlicher Weisheiten. Meine Hinweise auf das Fehlen zentraler Bestandteile des christlichen Lebens machen diese nicht weniger reich, sollen sie nur in die richtige Perspektive rücken: dass nämlich dieses Buch es nicht schafft, die Frage, wer ein Christ ist, wirklich zu beantworten. Wer sich aber als Christ sieht, ist mit diesem Buch erstaunlich gut bedient, wenn er seine eigene Frömmigkeit ausarbeiten will.

Und für diesen Zweck ist es sicher ein unbedingt zu empfehlendes Werklein. Seine Länge (82 Seiten) lässt es zu einem Sonntagnachmittagschmöker werden, sein Stil ist elegant und steht  Zeuge für das Interesse des Autors nicht nur an Philosophie und Theologie, sondern auch an Literatur und Poesie.

Es ist also recht komplex für mich, dieses Buch als Ganzes zu bewerten. Denn meine Empfehlung hängt definitiv davon ab, wo der einzelne Leser eigentlich steht in Bezug auf diesen Christus, der der ganzen Bewegung seinen Namen gegeben hat.

Wer ganz am Anfang steht, voller Fragen und Wunder im Kopf, für den gibt es viele Bücher, die das christliche Leben von Karfreitag und Ostern aus meiner Perspektive besser zu beschreiben wissen.

Wer aber in seinem Tanz mit diesem Jesus auf der Suche ist nach Gedanken, die den Tanz spannender und abwechslungsreicher gestaltet; wer dem ganzen Nachdenken über Jesus und sich selbst mehr Tiefe und Geschichte geben will, der kann in diesem Buch mehr finden, als es seine wenigen Seiten vermuten lassen würden.

 

Alles andere überlasse ich den Lesern.

 

Gnade und Frieden und alles,

 

MBH

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