Erstmal geliebt.

Bekehrungsgeschichten machen mir die Spannung zwischen

geistlicher Realität und täglichem Erleben mehr als deutlich.

Wieso Versagen zum Leben als Christ gehört, und weitere Gedanken.

Vor einigen Tagen wurde mir von einer Bekehrung erzählt. Ich mag diese Geschichten, weil sie meistens von einem besonderen und faszinierenden Einbruch der geistlichen Realität in die Wirklichkeit sprechen, den wir mit unseren Sinnen wahrnehmen.

Dass es sich bei dem jungen Mann um einen handelte, der mir tatsächlich am Herzen liegt, macht den etwas flapsigen Satz „Er will jetzt ganze Sache machen mit Jesus“ umso schöner und lässt über der ganzen Geschichte einen Kranz von himmlischer Entdeckerfreude aufscheinen.

So schön solche Nachrichten für das pietistisch geprägte Herz sind, so sehr können sie auch zu einer wirkliche Last werden – nicht zuletzt für solche, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, an der Zahl dieser Bekehrungen zu schrauben. Oder nach dem eigenen Empfinden eher: denen die Aufgabe übertragen wurde.

Als ich in Indien war, haben mir nicht wenige der interkulturell-arbeitenden Theologen und Entwicklungshelfer dort erzählt, wie von vielen (finanziellen) Unterstützern in der Heimat eine gewisse Anzahl von Bekehrungsgeschichten erwartet wird. Wer gibt gerne einen Teil seines Geldes, wenn am Ende keine Nummern für das Reich Gottes herauskommen?

Das klingt sicher zynisch, und ich kann nicht leugnen, dass sich ein gewisser Anteil Zynismus in meine Weltsicht eingeschlichen hat  - nicht immer zum Besten. Aber gleichzeitig ist es erstmal ein Erfahrungsbericht, der mir mehrmals begegnet ist; und das durchaus auch im deutschen, freikirchlichen Kontext.

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Nun will ich nicht unnötig skeptisch wirken. Es geht mir bei meinen Gedanken hier nicht darum, die Wirklichkeit einer Bekehrung in Zweifel zu ziehen. Meine eigene Geschichte kennt zumindest zwei sehr dramatische Wendepunkte, die mit dem biblischen Begriff „Umkehr“ durchaus beschreibbar wären.

Was mich bei diesen Geschichten meistens etwas mürbe stimmt, ist wie im Nachhinein der Neu-Nachfolger betrachtet wird. Und das hat dann gleichzeitig alles zu tun mit der Spannung zwischen geistlicher und weltlicher Realität, in der wir als Christen zu leben haben.

Was ich meine ist: Die Erwartungen sind meistens ziemlich hoch geschraubt.

Als ich diese jüngste Geschichte aus meinem Umfeld gehört habe, musste ich an eine junge Frau denken, die nach einer Predigt zu mir kam. Ich hatte darüber gesprochen, dass Jesus nachzufolgen manchmal bedeutet, harte Entscheidungen gegen die eigenen Bedürfnisse zu treffen – weil diese uns zu gerne von den richtigen Entscheidungen wegführen.

„Ich weiß das ja“, sagte sie, und ihr standen tatsächlich Tränen in den Augen. „Aber ich schaffe das nicht. Wie schaffe ich es, dass ich diese Entscheidungen treffen will?“

Und gleichzeitig musste ich an meinen eigenen Kampf mit mir selbst an manchen Tagen denken; an die quälenden Fragen, ob ich nicht schon weiter sein müsste ich meiner Reise, oder wieso ich mir diese Sache schon wieder geleistet habe, meinem schlechten Gewissen und besseren Wissens zum Trotz. Noch schlimmer sind die Tage, an denen ich den Eindruck habe, schneller zu reisen als meine Weggefährten. Nichts ist wohl zerstörerischer für christliche Gemeinschaft als der Blick zurück und das Gefühl, dass meine Beine für den beschwerlichen Weg Richtung Herrlichkeit besser ausgerüstet ist. Er trennt mich von den Weggefährten, die zu stärken ich doch an die Seite gestellt bekam und die wiederum mich stärken sollen in meinen schwachen Stunden. Und nicht nur das: der Blick zurück lässt mich ebenso stolpern, die Reise maximal mit Schneckentempo auf eigene Kraft hin fortsetzen, ohne Kompass und eine genauere Vorstellung, wo der Weg eigentlich ist.

Es tobt dieser Kampf in mir: zwischen der geistlichen Realität – vollkommen rein und heilig durch Christus – und dem was ich täglich erlebe – immer noch stolz, immer noch schwach, immer noch am Anfang meiner Reise.

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Und mitten in diesem Gedankenkarussell, in dem ich versucht habe, diese Spannung irgendwie in meinen Kopf zu bekommen, habe ich einen Satz gehört, der mich bewegt hat.

„Ein Teil des Lebens als Christ ist, im Leben als Christ zu versagen.“

Jetzt habe ich ihn aufgeschrieben; jetzt steht er in diesem Internet, und wird hier nie wieder gelöscht werden können.

„Ein Teil des Lebens als Christ ist, im Leben als Christ zu versagen.“

Gesagt hat ihn der Redner bei der Eröffnungsvorlesung für das neue Semester an der theologischen Fakultät der University of Aberdeen, wo ich seit zwei Tagen bin.

Und ich denke nicht, dass der Redner damit sagen wollte, dass wir das Hinfallen als einen Wert sehen sollten – das es in einer mysteriösen Weise gut wäre, wenn wir auf der Reise Richtung Herrlichkeit stolpern, fallen, nicht mehr aufstehen können.

Aber es passiert.

Es ist sogar ein ganz normaler Teil des Lebens als Christ.

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Nur denke ich, dass dieser Gedanke alleine mich eher davon abhalten könnte, diese beschwerliche Reise weiterhin auf mich zu nehmen. Wieso sollte ich einen Weg gehen, von dem ich von Anfang an sagen kann, dass er mich in die Knie zwingt?

Jede große Reise wird doch von der Hoffnung getragen, angestachelt, dass man es, entgegen allen vorhersagen und auch im Widerspruch zum gesunden Menschenverstand, irgendwie schaffen kann.

Wenn es mit der Reise Richtung Herrlichkeit anders ist, wieso sollte ich sie dann auf mich nehmen?

Und das war der Punkt, an dem das Karussell in meinem Kopf anfing, sich langsamer zu drehen. Weil ich dachte:

 

Wenn das Versagen ein Teil vom Leben als Christ ist,

dann kann der Erfolg nicht der Antrieb sein.

 

In Wesley Hills wunderbaren Buch Washed and Waiting schreibt er in einem Kapitel von dem „Göttlichen Lob“, das er am Ende seines Lebens hören möchte – ein Gedanke, den er von C.S. Lewis übernimmt. Es ist das „Gut gemacht, mein treuer und guter Diener.“, auf das er beim ersten Augenaufschlag nach dem letzten Atemzug hofft. Und ich fand den Gedanken bis jetzt äußerst faszinierend und stimulierend. Ein Ziel, auf das ich zustreben möchte.

Und auch biblisch ist es ein gut belegtes Thema (vgl. zB Micha 6,8)

Was ich aber verwechselt habe – und in der Spannung zwischen der geistlichen Wirklichkeit und dem täglichen Erleben zum Ausdruck kommt – ist, dass ein Ziel kein Antrieb sein muss. Ein geheiligtes Leben, wenn man das „Richtige tut“, ist ein wichtiges und gutes Ziel, auf das unsere Kompassnadel als Christ zeigen sollte. Das Ringen um „das Richtige“ ist dabei ein wichtiger Bestandteil unseres Lernprozesses.

Aber wenn das unsere einzige Motivation ist, im Kantianischen Sinne das Richtige zu tun, einfach weil es richtig ist, dann sind unsere Grenzen näher, als wir es wahrhaben wollen, und das Versagen vorprogrammiert.

Das liegt vor allem daran, dass zukünftige Dinge, von denen wir nur ein sehr verschwommenes Bild haben, nur sehr bedingt als Motivation funktionieren. Ich habe das früher oft gedacht, wenn in den christlichen Aufklärungsstunden junge Christen dazu angehalten wurden „enthaltsam zu leben“, weil man sonst seinen zukünftigen Partner betrüge.

Dabei ist doch Treue in einer Beziehung nicht etwas, das man einfach von dem Prinzip der Reinheit ableiten kann, denke ich heute. Mich rein halten kann ich als Prinzip auch gegenüber meinem French-Press Kaffeebereiter, dem ich das Versprechen gegeben habe, niemals mit einer ordinären Filtermaschine zu flirten.

Treue in einer Beziehung, scheint mir, ist etwas, das der Beziehung selbst inneliegen muss, und aus ihr geboren wird. Oder, anders ausgedrückt: ich bin treu, weil ich liebe und vor allem geliebt werde.

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Vielleicht ist das auch total offensichtlich für euch, aber für mich war es ein wichtiger Gedanke, wenn ich über mein Leben als Christ nachdenke. Wenn das Versagen darin ein Teil meines Lebens als Christ ist, dann will ich den Erfolg nicht zu meinem Antrieb machen. Dann wäre es zum Scheitern verurteilt.

Es ist aber mehr als persönlich auch, was ich lernen will, anderen Christen – Reisebeginner oder langjährige Gefährten – mit auf den Weg zu geben, wenn wir gemeinsam laufen:

Das Laufen ist kein Selbstzweck.

Das Laufen speißt sich aus dem Wissen, dass ich geliebt bin, das mir vergeben ist, egal wie oft ich eine Pause brauche.

Erstmal muss ich als Christ ein Gefühl dafür entwickeln, dass ich geliebt bin.

Und dann, im Anschluss, in kleinen Schritten, versuche ich, „das Richtige zu tun“.

Nicht, weil es mir hilft, ans Ziel zu kommen, sondern weil es sich aus der Erkenntnis speißt:

Ich. Bin. Begnadigt.

 

Zum Abschluss: Rowan Williams:

 

„Die große Versuchung war der Gedanke, dass das alte Leben einfach verschwindet, sobald man Teil der neuen Schöpfung wird. Paulus kannte diese Versuchung gut, aber er wusste auch, dass das alte Leben zäh ist, von Natur ein Überlebenstyp, und dass unsere alte Menschlichkeit – unsicher über seine eigene Bestimmung und vergesslich, wenn es um seine wirkliche Natur geht – mit einer erstaunlichen Ausdauer weiterexistiert.

Also: wenn du getauft bist, und dennoch sündigt – gerate nicht in Panik! Erinnere dich daran, dass die Tiefen der Liebe Gottes dich immer noch umgeben.“ (Rowan Williams, Being Christian, London: SPCK 2014, S.17; Übersetzung durch mich)

 

Gnade, und Frieden, und alles.

 

MBH.

 

P.S. Das Originalzitat: „The great temptation was to think that when you have entered the new creation, the old world just stopped existing. St. Paul knew that temptation, but he also knew the old world is tough, a natural survivor, and that the old humanity – muddled about its destiny and forgetful about its true nature – goes on with remarkable persistence.

So if, as a baptized person, you still sin – don’t panic! Remember that the depths of God’s love still surround you.” 

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