gelesen & geschätzt (15/2015)

Stephen King schreibt einen atmosphärischen Roman,

der stark von seinem Namen lebt, und unterhalten kann.

Gleichzeitig stellt er dem Leser einige wichtige, spirituelle Fragen.

Die Götter, die ich rief.


Rezension zu: King, Stephen, Revival, München: Heyne 2015


Vorbemerkung: Für diese Rezension habe ich vom Heyne Verlag ein Rezensionsexemplar erhalten. Dafür möchte ich sehr herzlich danken.


Stephen King ist normal nicht meine Literatur. Als ich 15 war, habe ich mir Shining ausgeliehen, weil es mir ein befreundeter Predigersohn empfohlen hatte. „Klassiker“, sagte man damals schon dazu. Gegruselt habe ich mich nicht. Aber das mag daran liegen, dass mir die Vaterfigur fehlte, die King darin meisterhaft ins düstere und bedrückende zieht.

Bei Stephen Kings neuem WerkRevivalwar eine Rezension ausschlaggebend für mein Interesse.

Denn das spannende an Literatur ist ja erst einmal, dass in ihr alles geht. In ihr lassen sich vollkommen abstruse Welten erschaffen, und das sonst so mystisch-umwehte „Was wäre wenn?“, das wir in diesem einmaligen Leben nie beantwortet bekommen, lässt sich in der Literatur beantworten.

Was wäre, wenn ich sie an diesem Abend nicht nur umarmt, sondern auf den Mund geküsst hätte?

Was wäre, wenn ich damals nicht mit dem Studium angefangen hätte, sondern zum Wehrdienst gegangen wäre?

Was?

Wäre?

Wenn?

In Revival stellt King diese Frage, und er wagt sich darin in das Gebiet der Religion vor. Die Frage, die das Buch leitet, ist: Was wäre, wenn es doch eine transzendente Macht gibt? Und was wäre, wenn sie nicht gut-artig, gnädig, liebevoll und gut wäre?

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Im Fokus der Geschichte steht Jamie Morton, der zu Anfang mit sechs Jahren im staubigen Vorgarten seines Elternhauses spielt, als der neue Methodistenprediger des Ortes auf ihn trifft – Charles Jacobs. Ein attraktiver, und auch sympathischer Mann, mit einer etwas schrulligen Liebe zu Strom und Elektrik, und außerdem einer bezaubernd-süßen Frau und einem ebenso zuckersüßen kleinen Sohn.

Die Geschichte wendet sich, als Frau und Sohn bei einem Autounfall tragisch und brutal ums Leben kommen, und der Glaube des Reverends daran zu Bruch geht. In einer letzten Predigt rechnet er mir der vermeintlichen Willkür Gottes ab.

Zurück bleibt ein verwirrtes Dorf, und ein noch verwirrterer Jamie Morton.

In den folgenden Jahren wird aus dem kleinen Jungen ein passabler Musiker und über den Erfolg im Musikbusiness auch ein Junkie.

In allen Wirrungen, die ein Leben so mit sich bringt, tritt Charles Jacob an den verschiedensten Stellen in das Leben Jamie Mortons, der immer mehr zu Zweifeln beginnt, dass der alte Reverend noch recht bei Trost ist. Vor allem aber beginnt er mit jeder Begegnung mehr zu ahnen, dass etwas Böses hinter diesem Mann steht.

„Etwas weibliches, das habe ich schon damals geahnt.“ (S.237).

Und mit jeder Begegnung erkennt er mehr, dass er den Gott, den er gerufen hat, nicht mehr loswerden kann. Jamie nicht, Charles nicht, und niemand, der mit ihnen zu tun hatte.

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Was den Gruselfaktor des Buches angeht, lebt es sicher vom Namen des Autors. Ich war nicht wenig verwirrt, dass ich bei dem Buch schon von den ersten Seiten an Herzklopfen hatte, obwohl die Geschichte sehr gemächlich und schon fast kleinstädtlich-spießig losrollt.

Dazu kommt eine düstere Atmosphäre, die sich von Anfang an auf die Figuren legt, und sich vor allem aus ihrem grundsätzlich zerbrochenen Leben speißt. Der aufmerksame Leser fragt sich, ob die Geschichte gleich hätte verlaufen können, wenn der junge Jamie mit seiner ersten großen Liebe Astrid zusammen geblieben wäre, einen Haufen Kinder gemacht und im väterlichen Betrieb angeheuert hätte. Hat er aber nicht, und deswegen diese Geschichte.

Dieses Buch lebt über weite Strecken aus den Vorschusslorbeeren, die man dem Autor gibt, und einer merkwürdigen Faszination für die Zerbrechlichkeit menschlichen Glücks. Gleichsam ist sie nicht wenig unterhaltsam, weil die Figuren gleichzeitig Mitleid erregen und faszinierend sind.

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Abseits aber vom atmosphärischen Erzählen gibt uns Stephen King in seinem Buch allerdings manches zu denken, das vor allem dem spirituellen Menschen in mir zum Grübeln brachte.

Da steht zum einen die Frage, wie tragfähig die eigene Spiritualität ist. Denn freilich ist es einfach, von den „kleinen Segnungen“ Gottes zu sprechen, wenn der Luxusüberschwang unseres Lebens uns die Langeweile schenkt, die es braucht, um jeden Windhauch als Segenswolke zu beschreiben. In diesen Phasen unseres Lebens ist es auch erstaunlich einfach, vom Gott zu singen „who gives and takes away“, wie es in einem populären Lobpreislied heißt.

Nur: Wie tragfähig ist diese Spiritualität?

Oder besser: Hält sie dem Praxistest stand?

Stephen King erinnert in seiner düsteren Art daran, dass das Leben für jeden von uns Unwegbarkeiten bereithält, aus denen wir vielleicht nur mit Ach und Krach entkommen, und die Narben an uns hinterlassen. Faszinierend ist, dass in Kings Buch jeder seinen Glauben zu verlieren scheint. Bei den wirklich schwierigen Schicksalsschlägen bleibt nicht viel übrig von der vorher aufpolierten Spiritualität.

Und es ernüchtert mich beim Lesen auf eine gute Weise. Es lässt mich darüber meditieren, wie sturmsicher ich meine theologischen Luftschlösser eigentlich gebaut habe. Ich will keinen blinden Optimismus leben, der ein „es wird schon alles gut“ proklamiert und die Augen dabei vor den Schmerzen in mir und in den Mitmenschen verschließt. Und gleichzeitig scheint mir ein Leben im Leid, das bar jeder Hoffnung ist, unerträglich.

Deswegen möchte ich in meinen sonnigen Tagen an einer Spiritualität arbeiten, die nicht blauäugig ist, und gleichzeitig nicht zynisch. Das mag keine einfache Aufgabe sein, und für einen Mittzwanziger auch hoffnungslos unromantisch. Vielleicht mag das wenig utopistisch sein, und wenig dem Grundgefühl von Fortschritt und Verbesserung entsprechen, das meiner Generation eingetrichtert wurde.

Aber gleichzeitig scheint mir dieses Vorhaben erhabener und realistischer zu sein, wenn ich mir die wilden Wirbel ansehe, die mein Leben schon in dem kurzen viertel-Jahrhundert geschlagen hat, die es jetzt existiert.

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Vor allem aber wirft King in dem Buch auch eine weitere Frage für mich auf, die eine dringende Antwort braucht.

Und das ist: Woher will ich überhaupt wissen, dass Gott gut ist?

Immerhin ist nicht erst der professionelle Atheist Richard Dawkins dafür bekannt, den Gott des Alten Testaments und mit ihm auch den des Neuen Testaments als einen Sadisten zu charakterisieren.

Wenn ich also an die Existenz Gottes glaube: woher weiß ich, dass er uns wohlgesonnen ist? Was gibt mir die Sicherheit, dass er nicht vielleicht völlig gleichgültig dem Gewusel des Ameisenhaufens zusieht, den wir Erde nennen? Oder schlimmer noch, und in der Vision Stephen Kings gesprochen, sich sadistisch nur die besten Sklaven aussucht für einen ewigen Nimbus der Schwerstarbeit?

Während ich diese Frage meditierte, musste ich daran denken, dass jedes Attribut, das wir Gott geben, nur eine Vermutung darstellt. Gott als böse zu beschreiben wäre ebenso eine Vermutung wie Gott als gut zu charakterisieren.

Nur mit einem Unterschied, der sich für mich als Christen in der Figur Jesus von Nazareth zeigt, ein Rabbi und Zimmermann, der gleichzeitig mein Messias ist. Von Rachel Held Evans zitiere ich gerne den Satz, dass Jesus „Gott in Sandalen“ ist. Und vom Christus ist uns der Satz überliefert, dass jeder, der ihn sieht, auch den Vater gesehen hat (Joh 14,9). Gott als gut zu bezeichnen ist in Jesus nicht nur eine Vermutung, sondern eine gut begründete.

Denn in ihm sehe ich Gottes freundliches Gesicht; ich sehe einen Gott, der sich den Leidenden und Gedrückten zuwendet. Außerdem erkenne ich einen Gott, der kommt, und nicht nur zusieht und wartet. Ich sehe ein Gott, der Teil des Leides wird, anstatt es zu verursachen. Und vor allem sehe ich einen Gott, der einen Weg findet, das Leid zu beenden, ohne es zu bagatellisieren.

Und ich behaupte nicht, dass Jesus ein Beweis für die Güte Gottes ist. Alleine ein solches Wort im Kontext von Gottes Charakter zu verwenden ist haaresträubend.

Was ich aber behaupten will, ist dies:

Wenn ich einen Gott rufe, dann werde ich ihn wohl nie wieder los.

Ich für meinen Teil rufe dann den Gott, der in Christus Immanuel geworden ist – Gott. Mit. Uns.


Soviel für Heute.


Marcus-B. Hübner

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Kommentare: 2
  • #1

    Eva Müller (Sonntag, 06 September 2015 10:23)

    Hallo Marcus,
    1. Es bleibt dabei, daß du so wunderschön formulieren kannst. Es macht mir nach wie vor Spaß, etwas von dir produziertes zu lesen, aber nach wie vor finde ich, daß du manchmal durch Gedankensprünge vom Thema abkommst, eine Eigenart, die deiner alten Mutter auch manchmal vorgehalten wird.
    2. Steven King gehörte in eurer Jugend zur unerwünschten Literatur, weil ich der Meinung war, daß seine finstere HOFFNUNGSLOSIGKEIT einen schlechten Einfluss auf euch haben würde, gegen die sich ein junger Mensch schwer wehren kann.
    3. In der von dir beschriebenen Geschichte entdecke ich viele Elemente aus dem Buch " Friedhof der Kuscheltiere", dem einzigen Buch, das ich von ihm gelesen habe, und dessen spannend formulierte, durch und durch eingewebte, breit ausgeführte Abwesenheit jeglicher Hoffnung mich über Jahre entsetzt hat. Warum hält der Mann daran so fest, wie der kleine Affe, dessen Faust an den Nüssen festhält, welche ihn wiederum in der Falle festhalten. Warum verläßt er diese ewige Finsternis eigentlich nicht, wenn er das Evangelium doch scheinbar kennt? Ist ihm das Evangelium von der Vergebung der Schuld und der Feindesliebe vielleicht einfach zu simpel? Mir jedenfalls graut vor dieser Dunkelheit der Seele, welche diesen hoffnungslosen Kräften scheinbar alternativlos ausgeliefert ist.
    4. Vielleicht bist du noch kein so erfolgreicher Schriftsteller wie Steven King, aber deine Herzenshaltung macht doch wesentlich mehr Hoffnung, Gott sei Dank!


  • #2

    Marcus-B. Hübner (Sonntag, 06 September 2015 12:04)

    Liebe Mutti,

    mich würde vor allem interessieren, wo du die Gedankensprünge siehst ;-) So ist das ja recht unkonkret. Als Blogger steht man ja auch in der Spannung, die kurzen Aufmerksamkeitsspannen der Internetgemeinschaft bedienen zu müssen. Jeden einzelnen Schritt deswegen schriftlich zu verewigen scheint mir also wenig förderlich: Die Frage wäre dann mehr, ob man dem grundsätzlichen Verlauf folgen kann :)

    Was King an sich angeht, würde ich sagen, dass er zuerst einmal damit sein Geld verdient. Und das ja auch genug Abnehmer findet. Was du schreibst würde sich ja auch auf Raskolnikov in "Verbrechen und Bestrafung" von Dostojewski beziehen lassen - die Hoffnungslosigkeit. Oder auch die Situation am Ende von Flauberts Madame Bovary. Aber die waren in der Kindheit nicht auf dem Index ;-) Wohl auch, weil sie mehr Weltliteratur sind.
    Ich denke, dass King sein Fachgebiet sehr gut meistert. Als ständige Literatur eignet es sich für meine Seele wohl aber auch nicht.
    Diese Lektüre habe ich allerdings sehr genoßen, weil es mich zum denken und meditieren über die Güte Gottes angeregt hat. Und das ist ja nicht das schlechteste Thema ;-)

    Gnade und Frieden und alles,
    Marcus