Ich bin nicht perfekt. Du bist wie ich.

Wahrheitserkenntnis ist ein zentraler Bestandteil unserer Persönlichkeit.

Ebenso wie unsere Zerbrochenheit und mangelnde Perfektion.

Ein paar Gedanken von Erasmus über Freundschaft und den interkonfenssionellen Dialog.


Freundschaft, Konfessionen, und ein Weg aus Gnade


Ich habe einen Freund, der in wenigen Wochen seine Promotion in Schweden beginnt. Dabei ist er gleichzeitig einer der fröhlichsten und gebildetsten Menschen, die ich kenne. Deswegen frage ich mich jedes Mal, nachdem ich mit ihm telefoniert habe: „Wieso nimmt er sich eigentlich die Zeit für mich?“

Das liegt daran, dass es sich nicht so anfühlt, als würde ich einen großen, intellektuellen Beitrag zu den Gesprächen leisten. Eher versuche ich Chronist zu sein, und manche der Gedankenfetzen, die mich dabei erreichen, irgendwie festzuhalten.

Doch es handelt sich nicht um selbstanklagende Gedanken. Ich merke ja, dass mein Freund Spaß an den Gesprächen hat. Wenn ich mich nach dem Grund frage, stelle ich den Umstand nicht in Frage. Freundschaft, denke ich, funktioniert so.

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In der Serie How I Met Your Mother stellen Ted und seine Freunde einmal die Hypothese auf, dass es in jeder Beziehung einen sog. „Reacher“ und einen „Settler“ gibt. Das ist: einer, der jemanden außerhalb seiner Liga „bekommt“ und einer, der sich mit jemandem etwas weniger attraktiven zufrieden gibt. Das ist im Kontext der Folge vor allem deswegen amüsant, weil die Freunde im Anschluss herauszufinden versuchen, wer sie in ihrer jeweiligen Beziehung sind. Und jeder will natürlich der „Settler“ sein, der Attraktivere.

Dieser Gedanke hat mich noch ein wenig länger verfolgt. Dabei geht es für mich weniger um die körperliche Attraktivität von Menschen, als mehr um die Frage, wieso sich die einen überhaupt mit den anderen abgeben. Freundschaft, genauso wie Liebe und Beziehung, scheint mir meistens total willkürlich verteilt zu werden; sie erinnert mich meistens an den großartigsten Vers der alt-testamentlichen Weisheitsliteratur:


"Drei Dinge sind mir zu wunderbar, / vier vermag ich nicht zu erfassen: der Weg des Adlers am Himmel, / der Weg einer Schlange auf dem Fels, / der Weg des Schiffes auf hoher See, / der Weg eines Mannes zu einer Frau.“ (Spr. 30,18f; NeÜ)


Ihr versteht den Argumentationsaufbau. Die ersten drei sind so offensichtlich entweder den Naturgewalten unterworfen (das Schiff und der Adler), oder eine Impulsentscheidung (die Schlange), dass das Letzte der Punkt sein muss, den uns der Autor nahe bringen will:

Wer versteht schon, wie ein Mann seine Frau findet – und umgekehrt?

Mit Freunden scheint es mir ähnlich zu sein. Manche Menschen trifft man, und sie berühren deine Seele schon mein ersten Blick. Es tut einfach gut, mit ihnen Zeit zu verbringen. Wieso das so ist können wir nicht einmal wirklich auf den Punkt bringen: Diese Menschen leuchten einfach in unseren Augen.

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SolcheGedanken über Freundschaft haben mich vor ein paar Tagen eingeholt, als ich in Erasmus von Rotterdams Büchlein Das Lob der Torheit eine großartige Passage genau darüber gelesen habe. Erasmus lässt in seinem kurzen Werk die personifizierte Torheit selbst zur Menschheit sprechen, und ihr erklären, weswegen sie eigentlich die Herrscherin der Welt sei. Alles, sagt sie, was das Leben lebenswert macht, komme eigentlich aus ihr.

Über Freundschaft hat sie dann Folgendes zu sagen:


„Was meint ihr: wenn einer vor den Fehlern seiner Lieben durch die Finger schaut, seine Grundsätze verleugnet, beide Augen zudrückt, wie im Traume redet, wenn er für krasse Mängel sich wie wahre Wunder begeistert, grenzt das nicht an Torheit? Wenn der das Muttermal auf seiner Liebsten abküßt und jenen der Polyp in ihrer Nase entzückt, wenn der Vater von dem innigen Blick seines schielenden Jungen spricht – was fehlt da noch zur echten Torheit? Mögen nun die Gescheiten nur wieder dreimal, viermal rufen, da sehe man eben, was die Torheit leistet – ich antworte:


'Sie zeigt allein euch, wie ihr Freunde findet

Und schon gefundne dauernd euch verbindet.'


Zwar gilt das nur von den gewöhnlichen Sterblichen, die bekennen müssen:


'Wir alle bringen Fehler mit ins Leben;

Der beste ist, an dem die kleinsten kleben.'“


(Erasmus v. Rotterdam, Das Lob der Torheit, Übers. Alfred Hartmann, Wiesbaden: marix Verlag 2014, S.38f)


Wenn Freundschaft zum einen etwas ist, das aus heiterem Himmel erscheint, das sowohl „zu wunderbar“ als auch „nicht zu erfassen“ ist, dann ist es zum Anderen etwas, das auf einer gegenseitigen Torheit beruht:

In einer Freundschaft, denkt Erasmus von Rotterdam, ist die Grundvoraussetzung das gegenseitige Eingestehen der eigenen Perfektionslosigkeit.

Das ist keine Freundschaft, in der sich einer für fehlerlos hält, weil eine solche Beziehung nie die erforderliche Tiefe gewinnen kann, bei der man von einer Freundschaft sprechen kann. Dann mag es ein Guruverhältnis sein, in dem der eine vom anderen lernt – Einbahnstraße.

In diesem Sinne muss Freundschaft eine Verbindung sein, in der Gnade vorherrschen muss. Darin muss die Sicherheit liegen, dass man in dieser Verbindung Gnade finden wird, auch wenn man wirklich in den Mist gegriffen hat, und in der Zwischenzeit keine Möglichkeit gefunden, seinen Arm zu waschen.

Und dann kann aus diesem Gnadenverhältnis der gegenseitigen Perfektionslosigkeit auch das Recht geboren werden, in das Leben des Anderen hineinzusprechen.

Solche Freundschaften sind mir kostbar und wertvoll; aber nicht so sehr, weil sie mich weiterbringen, als mehr, weil Gnade erst an diesem Punkt wirklich zur vollen Entfaltung kommen kann: Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken, sagt Jesus von Nazareth (Mt 9,12). Ebenso brauchen nicht die Perfekten Gnade, sondern die Unperfekten. Also, im Grunde: Wir. Alle.

An dem Ort, denke ich, wächst Freundschaft, wo man nicht wegen der eigenen Mangel geliebt wird, und auch nicht in utopischer Weise irgendwie ohne die eigenen Mangel, sondern trotz ihres Vorhandenseins.

Genau wie am Kreuz. Ich bin Sünder, und Gott gibt sich trotzdem für mich.

Ich bin nicht perfekt, und du bist trotzdem mein Freund.

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Im Kontext meines Artikels letzten Freitag, #awakeningEurope und der City Church San Francisco habe ich diesen Gedanken dann auf den inter-konfessionellen Dialog übertragen.

Gibt es auch dabei einen „Reacher“ und einen „Settler“?

Kann die römische Kirche nicht mit gewisser Sicherheit von sich behaupten, der „Settler“ im Dialog zu sein – mit ihren tausenden Jahren theologischer und philosophischer Reflexion, die massiv sind gegenüber die wenigen Jahrzehnte meiner eigenen kleinen Untergruppe des Protestantismus.

Und dennoch wendetsich Franziskus denPfingstlern zuund sehnt sich nach Gemeinschaft.

Nennt mich Katholik, aber ich fand das einen beeindruckenden Schritt.

Für mich ist in diesem Gedanken besonders, dass wir denominationelle Unterschiede gar nicht verschweigen müssen, wenn wir uns als Freunde betrachten. Wenn ich an meine engen Freunde denke, sind dabei Linke, AfD-Wähler und Unpolitische, und ich schwimmend irgendwo dazwischen. Aber niemand verschweigt etwas.

Grundsätzlich soll dabei aber gelten, dass Gnade an diesen menschlichen Grenzen nicht aufhört zu fließen.

Wahrheit ist im inter-konfessionellen Dialog eine sehr scharf geführte Waffe. Und sie ist gleichzeitig ein Kern unserer Persönlichkeiten.

Am Ende bin ich immer noch Theologiestudent und ein mehr-oder-weniger reformierter noch dazu.

Klar denke ich, dass Calvin immer Recht hatte (Ironieschild, hoch!).

Aber selbst wenn ich – oder Calvin – im Recht sein sollte, gibt es mir nicht das Recht, Wahrheit vor Gnade ergehen zu lassen.

Denn wenn ihr ehrlich bin, bin ich verdammt froh, dass Jesus das nicht gemacht hat, als er für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren – und auf traurige Weise verdammt überzeugt davon, dass wir trotzdem recht haben.

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Ich will gelten lassen:

Du glaubst, dass Jesus für dich gestorben ist, auferstanden ist, wiederkommt?

Lass uns Brot und Wein teilen.

Lass uns lachen, weinen, und umarmen.

Lass uns lernen, diskutieren, und wieder Brot und Wein teilen.

Und glaubst du es nicht, können wir abseits von Brot und Wein alles das auch tun.

Im Bezug auf konfessionelle Unterschiede, oder ideologische Unterschiede, will ich euch begegnen, wie ich meinem Freund in Schweden begegnen: Ich weiß nicht, warum ihr mit mir redet (oder mein Zeug hier lest), aber ich vermute, dass es euch Spaß macht.

Deswegen hätte ich da noch einen Gedanken, vielleicht leuchtet er euch ja ein...


Gnade und Frieden und alles.


Marcus-B.

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