Ich versuche, weiter auf dich zu hoffen.

Im Kontext von City Church San Francisco

und Awakening Europe,

ein paar Gedanken über zu viel und zu wenig Hoffnung.

Zwei Ereignisse und Jesus, unsere Hoffnung


In den letzten Wochen haben zwei Dinge dazu geführt, dass ich mir über Hoffnung noch einmal neu Gedanken gemacht habe.

Da war zum einen die City Church San Francisco, die größte evangelikale Gemeinde der Stadt. Vor ein paar Wochen hat der Hauptpastor mit den Ältesten gemeinsam einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie erklären, dass sie die Gemeindemitgliedschaft in CCSF ab sofort für Menschen möglich machen wollen, die in monogamen, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben.

Der Schritt hat natürlich, gerade in den USA, für einigen Wirbel gesorgt. Fred Harrell begründete den Schritt gemeinsam mit den Ältesten wie folgt:


Our pastoral conversations and social science research indicate skyrocketing rates of depression, suicide, and addiction among those who identify as LGBT. The generally unintended consequence has been to leave many people feeling deeply damaged, distorted, unlovable, unacceptable, and perverted.“ (Quelle)


City Church San Francisco stellt sich einem Phänomen, dem Christen grundsätzlich ausgesetzt sind: Ihre Hoffnung wurde nicht erfüllt. Die Grenzen, in denen wir als Christen das Heil erleben, an das wir glauben, sind oftmals realer, als wir uns wünschen.

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An diesem Wochenende findet außerdem #AwakeningEuropa statt, eine große (extrem-)charismatische Konferenz, die sich selbst als den Ausgangspunkt verstanden wissen möchte, von dem aus ganz Europa sich wieder seinen christlichen Wurzeln zuwenden will. Erweckung nennt man dieses Phänomen in der Theologiegeschichte, der aber meist erst im Rückblick einer Zeit gibt, in der Menschen in großer Zahl sich (wieder) dem christlichen Glauben zuwenden.

Das ganze steht unter dem Motto „Europe will be saved.“ - Europa wird gerettet werden. Nicht nur eine Vermutung, sondern eine Proklamation wurde mir heute bei Twitter gesagt.

Während auf der einen Seite des Globus eine evangelikale Gemeinde die Waffen niederlegt, desillusioniert von der ausbleibenden Erfüllung der Hoffnung, die sie jahrelang gehegt haben,

findet auf der anderen Seite ein Spektakel statt, dass morgen eine veränderte Welt sehen will.

Und der normale Christ steht mitten drin, im Versuch, einen Sinn auf der ganzen Sache zu machen. Was ist mit der Hoffnung?

Darf ist sie haben?

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Sowohl für die Ältesten der City Church wir auch für die Veranstalter von #AwakeningEurope spielt Hoffnung eine bedeutende Rolle in ihrem Dienst. Beiden ist die Überzeugung gemein, dass das Evangelium der Schlüssel für eine heilsamere Welt morgen bietet.

Gleichzeitig haben aber beide offensichtlich auch unterschiedliche Herangehensweisen zu dieser Hoffnung entwickelt. Während die einen resignieren vor der Realität, dass wir in einer Welt leben, in der Zerbruch und Verwundung immer noch eine gewichtige Rolle spielen – auch und gerade im Leben des Christen – sehen die anderen die Hoffnung nicht mehr als eine zukünftige Gewissheit, sondern eine gegenwärtige Realität an. Proklamation nennt man das dann.

Beide Seiten scheinen mir ihre Berechtigung zu haben. Auch Außerhalb religiöser Kreise sind Menschen für uns faszinierend, die einen stringenten Weg gehen; die sich ihrer eigenen Zukunft so sicher sind, dass sie sich nicht beirren lassen.

Manche Menschen hoffen nicht auf eine steile Karriere, eine glückliche Ehe, eine harmonische Familie, eine Woche Urlaub, sondern nehmen es sich. Und in meinen verletzlicheren Phasen wünschte ich mir, dass ich manchmal mehr so wäre.

Aber die Realität holt viele dieser Menschen irgendwann wieder auf den Boden zurück. Das Leben läuft eben nicht immer geradeaus – singt Johannes Falk – sondern dreht sich zu Sonne hin.

City Church und #AwakeningEurope stehen in meinem Nachdenken über Hoffnung im Leben des Gläubigen an den äußeren Enden zweier Pole, zwischen denen ich mich als Einzelner und wir uns als Menschen allgemein bewegen, und irgendwo auch positionieren.

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Im Nachdenken über Hoffnung in meinem Leben, Resignation und Triumphalismus, musste ich dann an das Evangelium denken.

Hebräer 12,2 sagt uns etwas darüber, wieso Jesus den Tiefpunkt des Kreuzes ausgehalten hat:


„[Jesus] hat gezeigt, wie der Glaubenslauf beginnt und wie er zum Ziel führt. Weil er wusste, welche Freude auf ihn wartete, hat er das Kreuz und die Schande dieses Todes auf sich genommen. Nun sitzt er auf dem Ehrenplatz an Gottes rechter Seite.“ (NeÜ)


Mit anderen Worten: Jesus hatte Hoffnung, und ist deswegen durch die Schmerzen gegangen. Er hat sie als wirklich betrachtet, auch wenn es im Garten, betend und blutend, gar nicht so aussah.

Denkt nur daran. Der Autor des Heb schreibt diese Worte über den Jesus, der gleichzeitig am Kreuz ausruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34 par; NeÜ) und sicher weiß, dass er „heute noch […] im Paradies sein“ werde (Lk 23,43).

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Ich möchte hier etwas von Jesus lernen, was meine eigene Hoffnung angeht. Und das ist, sie als sicher zu sehen, aber meinen Kampf nicht zu verschweigen. Das ist, keine überzogene Hoffnung zu schüren, aber an die gesicherte Rettung zu erinnern.

Meisten versuchen wir als Menschen, die Spannungen in unserem Leben aufzulösen – sowohl im zwischenmenschlichen Bereich, wie auch in unserer Weltanschauung. An der evangelikalen Spiritualität fasziniert mich, dass sie mich in eine Spannung einlädt, die am Anfang ungemütlich sein mag, aber mit den Jahren immer mehr widerspiegelt, was das Leben lebenswert macht. In der Theologie nennen wir das eine „inaugurated eschatology“, und beschreiben es mit dem Syllogismus: „Schon Jetzt und Noch nicht.“

Oder: Bist du Optimist oder Pessimist?

Ja.

Wenn ich beschreiben soll, wie ich meine Zukunft sehe, dann versuche ich sie mit einer realistischen Hoffnung zu betrachten. Keine Gefühle und Erwartungen zu überhöhen, aber mich selbst daran erinnern, dass Jesus nicht einen Moment am Kreuz gezweifelt hat, wer am Ende siegreich sein wird.

Es ist nicht so, dass ich nicht manchmal zweifel, frage, ob das wirklich alles so kommen kann. Aber ich bin ja auch nicht Jesus.

Hier und heute zu leben, bedeutet für mich, weder Triumphalismus noch Resignation zuzulassen. Hier und heute mit Jesus zu tanzen bedeutet für mich, dass ich Hoffnung habe – nicht weil ich große Sachen sehe, sondern weil etwas großes für mich schon längst passiert ist.

Wie sich die Christen schon seit Jahrtausenden an Ostern begrüßen:

Jesus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.

Und das erinnert mich daran, dass ich die Hoffnung gar nicht aufbringen muss. Weder muss ich sie in mir erschaffen, noch muss ich sie in mir suchen.

Vielmehr gucke ich auf den Jesus, der gestorben ist, und dann auferstanden, und der dann von sich sagt, alle Macht zu haben.

Auch die Macht, hoffe ich, mich weiterzutragen, und meine Kämpfe mit mir zu kämpfen.

Das ist dann freilich eine Hoffnung.


Ich kann euch nicht sagen, wie ich an Stelle der Leitung von CCSF gehandelt hätte. Genauso wenig kann ich euch sagen, ob #AwakeningEurope die Erwartungen erfüllen kann, die an sie gestellt werden.

Eines kann ich sagen: Ich habe gute Hoffnung, dass Jesus wirklich der ist, der er zu sein behauptet.

Retter.

Zusammensetzer.

Wiederkommend.


Gnade und Frieden und alles,


Marcus-B. Hübner

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