gelesen & geschätzt (13/2015)

Wesley Hills zweites Buch befasst sich mit dem Thema Freundschaft,

und macht damit sein erstes Buch einem breiteren Publikum zugänglich.

Kurzum: Soviel Weisheit findet man in nur wenigen Büchern.


„Ich liebe dich, weil du mein bist.“


Rezension zu: Hill, Wesley, Spiritual Friendship. Finding Love in the Church as a Celibate Gay Christian, Grand Rapids: Brazos Press 2015


In meiner Karriere als Rezensent gibt es bis jetzt genau drei Bücher, die ich mich gescheut habe zu rezensieren. Es gibt natürlich mehr als drei Bücher, die ich ohne Rezension gelesen habe.

Aber bei drei Büchern wollte ich keine Rezension schreiben. Eines davon war so schlecht und grauenhaft, ideologisch und kurzsichtig, vielseitig beleidigend und respektlos, dass ich mit meinem Blog nicht für seine Verbreitung sorgen wollte. Ein Anderes war inhaltlich so dicht und voll, dass es mir beim Lesen extrem viel gebracht hat, ich aber keine Ahnung hatte, wie ich es zusammenfassen sollte.

Und das dritte war Wesley Hills erstes Buch Washed and Waiting.

Wahrscheinlich gibt es kein Buch, das ich annähernd so häufig zitiere wie Wesleys Meditation über Christsein und Homosexualität. Meine Angst vor der Rezension hatte vor allem damit zu tun, dass jedes Wort über das Buch keine kritische Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk, sondern eine Hagiographie über eine literarische Fast-Erlösergestalt geworden wäre. Emma-Bovary-esq hätte ich ausgerufen: „Ich habe ein geliebtes Buch! Ich habe ein geliebtes Buch!“

Vor ein paar Monaten hat Wesley sein zweites Buch veröffentlicht. Es handelt sich um so eine Art zweiten Teil von Washed and Waiting, der sich der Thematik von Freundschaft und Intimität von einer breiteren Blickrichtung nähern will als die spezielle Thematik im ersten Buch.

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Wesley gilt als einer der Vordenker einer Generation junger amerikanischer Theologen, die im Zusammenprall ihrer sexuellen Orientierung und ihres konservativen Verständnisses von menschlicher Sexualität neue Wege suchen, ihre Identität zu definieren. Freundschaft hat sich dabei als einer der Wege abgezeichnet, der am fruchtbarsten gezeichnet werden kann, und den zu gehen sich lohnt.

In seinem zweiten Buch versucht Wesley die Thematik der Freundschaft zu öffnen, und so nicht nur homosexuellen Christen eine Synthese aus der These der christlich-konservativen Identität und der Antithese von sexueller Identität anbieten. Geistliche Freundschaft, so Wes, ist eine Sehnsucht aller Menschen, gerade weil auch in einer funktionierenden Partnerschaft der Partner nicht alles bieten kann.

Das kurze Buch versucht dabei ein fast lächerlich großes Gebiet abzustecken. In zwei größere Teile aufgespalten, versucht Wes im ersten („Reading Friendship“) einen groben historischen Überblick über das Thema Freundschaft zu geben, und eine Interpretation zu liefern, wieso wir in der Gegenwart eine verkümmerte Freundschaftskultur vorfinden. Wes findet in seiner Untersuchung viele Ansätze in der mittelalterlichen Theologie wie auch in der Antike, die Freundschaft als etwas wertvolles, ganz eigenes, eine Form der Liebe geschätzt haben.

Der zweite Teil („Living Friendship“) widmet sich der Frage, wie wir uns in westlich geprägten Ländern auf einen Weg begeben können, wieder eine reife, reiche, tiefe Vorstellung und Realität von Freundschaft zu kultivieren.

Dieser weite Rahmen gelingt Wes auf gerade einmal 137 Seiten vor allem deswegen einigermaßen, weil er ein weit-belesener Mann ist. Selbst in der anglikanischen Kirchentradition stehend, ist er nicht nur in seinem theologischen Lager belesen, sondern auch in anderen christlichen Konfessionen und Denominationen, wie auch in der gegenwärtigen und vergangenen Popkultur. Das Buch ist ein Füllhorn an Gedanken und Anspielungen aus Theaterstücken, theologischen Essays, Predigten und Romanen, die aus jeder erdenklichen kulturellen Ecke stammen. Wes schreibt von sich selbst, dass er


„someone [is] who makes sense of life with the help of books. In times of crisis, I'll pile up a great stack of them, looking for comfort and insight. Or, changing the metaphor, books become, in those times especially, the lenses through which I construct meaning.“ (S. 90)


Das macht seine Bücher nicht nur zu erstaunlichen Reflektionen über eine große Bandbreite von Literatur, sondern hat auch seinem eigenen Schreibstil gedient. Einem Autor merkt man schnell an, ob er viel liest, und auch wie sprachlich-anspruchsvoll die Literatur ist, die er konsumiert.

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Es gibt wahrscheinlich keinen Autor, der mir in der Frage nach Identitätsfindung mehr beigebracht hat, als Wesley Hill. Und das ist nicht unbedeutend. Wer mich schon hat predigen hören, oder diesen Blog regelmäßig verfolgt, dem ist das Thema Identität in meinen Äußerungen bekannt. Ich reflektiere fast alle großen und großartigen Gedanken vor dem Hintergrund meiner eigenen Identitätssuche und -findung.

Wesleys Bücher zeigen mir, dass ich mit allen diesen Fragen nicht alleine bin. Und das ist ein gutes Gefühl.

Spiritual Friendship war dabei ein Buch vieler Fragen, und Antwortfragmente, die ich jetzt noch nicht durchgekaut habe, geschweige denn für mich fruchtbar gemacht. Aber es ist voll mit Ansätzen, die mich gewiss machen, dass Identität etwas ist, was ich finden kann.

Nicht nur in mir selbst, eher gerade nicht dort.

Das Buch hat mir vor allem beigebracht, wie zentral Freundschaft ist, um dem „Leben all die Fragen zu stellen, die es verdient, und Antworten zu finden, die den Horizont weit machen“, wie ich es auf dem Begrüßungstext auf dieser Seite formuliert habe.

Doch es gibt noch einen Gedanken, der mich noch viele Wochen, Monate, wahrscheinlich Jahre verfolgen wird. Und darin tritt der besondere Aspekt der geistlichen Freundschaft hervor, den Wes als Christ vor dem Hintergrund des Kreuzes malt. In der Meditation darüber, wie Freundschaft in unserer Gesellschaft verändert und vertieft werden kann, endet Wes an dem Ort, der für die christliche Spiriualität gleichzeitig Ausgangs-, Mittel- und Endpunkt der eigenen Suche aufzeigt: Dem Kreuz und leeren Grab Christi.

Hier, so Wes, sehen wir eine Liebe, die Selbstlosigkeit, und Selbstaufgabe, nicht nur symbolisiert, sondern in alle Schöpfung hinausschreit. Eine Form der geschwisterlichen Liebe, die sich für die Ewigkeit festschreibt, auf der man bauen kann, und die immer fest steht.


„And having widened our scope, Jesus's life, death, and resurrection drive us deeper, urge us to cultivate a more profound sort of intimacy with our new friends then we would have, left to our own devices.“ (S. 59)


Zwei Arten von Liebe gibt es, sagt Hill. Die Erste baut auf das eigene Gefühl, und ist ebenso flüchtig wie dieses. Sie sagt: „Du bist mein, weil ich dich liebe.“ Schwindet die Liebe, schwindet auch die Verbindung.

Die Zweite will lieben, auch in Zeiten emotionaler Trockenheit. Sie sagt: „Ich liebe dich, weil du mein bist.“

Wesley Hill möchte Schritte auf diese zweite Form der Liebe zugehen, auch in seinen Freundschaften. In seinem neuen Buch lässt er uns dabei an Erfahrungen, Freunden und Schmerzen, und Einsichten teilhaben.

Unbedingte Leseempfehlung!


Gnade und Hoffnung und alles.


Marcus-B. Hübner

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