Überall zuhause, überall fremd.

In meiner ersten Ausgabe des #PolitischenMittwochs auf meinem neuen Blog,

betrachte ich eine Aussage von Frauke Petry, neuer Parteivorsitzenden der AfD.

Was ist völlig fremd? Was ist Unvereinbar?


Desiderius Erasmus von Rotterdam mag vielleicht der gelehrteste Mann aller Zeiten sein. Sicher war er es aber zu seiner Zeit. Seine Gelehrsamkeit, die die Reformatoren ebenso wie die römische Kirche prägte, kam nicht zuletzt durch seine vielen Reisen zustande, die ihn nach ganz Europa geführt haben.

Und sie machte ihn zum Namenspatron des großangelegten, EU-geförderten Austauschprogramms weltweit-vernetzter Universitäten, das jungen Menschen die Erfahrungen mit anderen Kulturen schenken soll, und gleichsam zu mehr interkulturellen Beziehungen führte, als jedes andere Völkerverständigungsprogramm.

Desiderius Erasmus.

An den Züricher Reformator Huldrych Zwingli soll er die Zeilen geschrieben haben, die ich als Überschrift über diesen Artikel gesetzt habe. Seine Weltreisen, seine vielfachen Freundschaften und große Belesenheit gaben ihm ein tiefes Gefühl davon, überall ankommen zu können, aber niemals ganz daheim zu sein. „Ich bin ein Weltenbürger...“, fängt der Satz an, der in Osnabrück das Museum ziert, das zu Ehren des jüdischen, in der Shoa umgebrachten Malers Felix Nussbaum erbaut wurde.

Ich musste an diesen Satz von Erasmus denken, als ich die Berichterstattung über den gerade vergangenen Parteitag der AfD gelesen habe. Vor allem musste ich an den Satz denken, als ich die neue Parteivorsitzende Frauke Petry über den Islam sagen hörte, dass es


„massive Integrationsprobleme gibt, auf Grund der Tatsache, dass eine Religion wie der Islam nun mal ein Staatsverständnis transportieren, das uns in Mitteleuropa nun mal völlig fremd ist und das mit dem deutschen Grundgesetz nicht vereinbar ist.“ (Quelle, ab Min 18:04; Grammtikfehler im Original)


Dabei möchte ich mich nicht über die Dubiosität äußern, die den Begriffen „der Islam“ (welcher denn? Der Schiitische? Sunnitische? Sufistische? Europäische?) und „das Staatsverständnis“ (welches denn? Das von ISIS? Al-Quaida? Tariq Ramadan? Meinem Hausarzt?) inneliegt. In meiner Reaktivierung des politischen Mittwochs möchte ich lieber ein paar Gedanken zum „Völlig Fremden“ und zur „Unvereinbarkeit“ loswerden.

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Zum Einen ist da der Gedanke, dass uns das Staatsverständnis des Islams uns völlig fremd sei. Und ich weiß nicht recht, was ich damit anfangen soll.

Fremdheit, interessanterweise, fängt ja erst einmal in meinem Kopf an. Und der erste Schritt im Verständnis ist die Erkenntnis, dass was fremd ist noch längst nicht schlechter sein muss. Das war jedenfalls, was mir in Indien jeder Europäer gesagt hat, der mich begleiten sollte.

Wenn also diese Beschreibung des Staatsverständnisses im Islam stimmen sollte, und ich Fr. Petry beim Wort nehmen darf, bedeutet das entweder, dass in ihren Augen alles Fremde falsch ist – was eine klassische Form der Xenophobie wäre, nicht wahr? – oder, dass die AfD-Spitze sich demnächst auf den Weg machen möchte, um vom Haus Al-Saud etwas über die vielfältige Buntheit der gegenwärtigen politischen Strömungen zu lernen.

Und beides scheint mir eher abwegig.

Was also will Frau Petry damit sagen, dass das Staatsverständnis des Islams „uns in Mitteleuropa völlig fremd“ ist? Will sie unsere Ignoranz deutlich machen? Oder ein moralisches Primat des mitteleuropäischen Staatsverständnisses betonen? Und was wäre das? Ein christliches? Ein säkulares?

Ich musste unwillkürlich an des Altkanzlers Erkenntnis und anschließende Feststellung denken:


„Meine vielen Reisen haben mir bestätigt, wie wichtig es ist, das eigene Land [und Staatsveständnis – MBH] von außen zu betrachten und seine Institutionen und Gesetze mit denen anderer Staaten zu vergleichen […] Viele unserer Politiker haben einen Eindruck von unseren Nachbarländern und von den USA; aber einer, der niemals China und Indien, niemals Rußland, Lateinamerika und Afrika erlebt hat, ist für seinen politischen Beruf eigentlich nicht ausreichend ausgerüstet.“ (Schmidt, Helmut, Außer Dienst. Eine Bilanz, München: Siedler Verlag 2008, 23ff)


Dem liegt die Erkenntnis inne, dass etwas „völlig Fremdes“ immer zu etwas „Bekanntem“ werden kann. Zumal in dem völlig Fremden auch eine Weisheit stecken mag, die der eigenen bei Weitem überlegen ist. Und jedem, der sich einmal mit islamischer Philosophie auseinander gesetzt hat, wird das „völlig Fremde“ vielleicht bald zur exotisch-bauchtänzerischen Schönheit.

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Mehr noch aber als das „völlig Fremde“ verunsichert mich die „Unvereinbarkeit“. Vor allem verunsichert mich die Hybris, mit der dieser Satz im Publikum aufgenommen wird. Denn eine sich selbst so christlich-national gebende Partei sollte wissen, dass die großen christlichen Kirchen sich mit dem demokratischen Staat lange schwer getan haben; und da haben sich weder die wertkonservativen Katholiken noch die eher progressiven Protestanten einen Abbruch getan.

Denn es ist wahr, dass der Christ seit Anfang des Christentums in der Spannung der sog. Parusieverzögerung zu leben hat. Das ist: das sehnsüchtige Warten auf die Rückkehr Jesu und die Unmittelbarkeit, in der wir diese für möglich halten. Er könnte jetzt wiederkommen. Es ist das Aushalten der Umgebung unter der Vorstellung, dass etwas besseres, größeres, gerechteres kommt. Und das ist, in der christlichen Vorstellung, eine Theokratie.

Als Christ kann ich nur deswegen ein lupenreiner Demokrat sein, weil 2000 Jahre Kirchengeschichte mir schmerzlich beigebracht haben, dass wir nicht Gott sind. Und das gleichsam wir nicht aufgerufen sind, eine Theokratie zu errichten. Gerade deswegen erkennen wir das Churchill'sche Diktum an, dass die Demokratie die schlechteste Regierungsformen sei, mit Ausnahme aller anderen, die wir bis jetzt ausprobierten.

Wie kompatibel, fragt sich mein verwirrter Geist nach Frauke Petrys Bühnengebrüll, ist also das „christliche Staatsverständnis“ mit dem deutschen Grundgesetz? Es wäre sicher faszinierend, Paulus, Augustinus, Ignatius von Loyola, Menno Simons und einen gegenwärtigen Evangelikalen aus den USA an einen Tisch zu setzen und diese Frage erläutert zu hören.

Gerade deswegen, hat uns Böckenförde beigebracht, geht der säkular-freiheitliche Staat ja von Voraussetzungen aus, die er selbst nicht garantieren kann. Er kann es in seinen Staatsbürgern nicht garantieren. Und er kann es noch weniger für Flüchtlinge garantieren, die hier nach Sicherheit suchen, und auf geschlossene Hosentaschen und verschränkte Arme stoßen. Er muss es aber als Grundannahme voraussetzen, weil er sonst unterginge.

Das die Integrationsproblematik mit dem Staatsverständnis „des Islams“ zusammenhänge ist entsprechend eine absurde Annahme, zumal ein Großteil der Flüchtlinge in Deutschland Christen sind, die vor islamischen Terrororganisationen in Syrien und anderen mittelöstlichen Staaten geflohen sind.

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Ich bleibe wohl ein Weltenbürger, und hake mich darin bei Desiderius unter, lasse etwas von seinem Genius meine eigene Suche erleuchten. Denn offensichtlich trägt meine eigene Fremdheit ja dazu bei, dass ich in die deutsche Gesellschaft nicht gut integriert werden kann. Meine Religion trägt sogar die Möglichkeit in sich, ein Staatsverständnis auszubilden, dass dem deutschen Grundgesetz widerspricht.

Ach, aber nein.

Von mir spricht Fr. Petry ja gar nicht.

Da müssen die vier apokalyptischen Reiter mit mir durchgegangen sein.


Gnade und Frieden und alles,

Marcus-B.

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Kommentare: 2
  • #1

    Alex Rinn (Mittwoch, 08 Juli 2015 14:37)

    Irgendwie finde ich deinen Kommentar genauso polemisch, wie die Aussage von Fr. Petry. ;-) Mal davon abgesehen, dass es viele Christen gibt, die eklatante Probleme sehen in Indien, gerade seit dem die Briten, sprich die westliche Kultur bzw. System nicht mehr da sind. Aber nun zum Islam. Natürlich ist die Aussage "der Islam" Schwachsinn genau wie "das Christentum". Aber man kann ja versuchen etwas objektiver an die Sache zu gehen. Sich z.B. die Grundlagen ansehen, sprich Bibel und Koran. Die westlichen Demokratien haben sich natürlich einerseits auf schlechte Erfahrungen in der Geschichte gegründet, aber z.B. unser Grundgesetz wurde von unseren Gründungsvätern bewusst auf die Bibel hin geschrieben. Die Würde des Menschen ist unantastbar gründet sich wohl auf das Verständnis des Menschen in der Bibel. Wenn man dies aus dem Koran raus extrahieren kann, wieso findet man das in keinem "islamischen" Land. Wieso gibt es dort keine Religionsfreiheit? Islam gehört bestimmt auch zu Deutschland, aber wenn man den Koran ernst nimmt, wird es durchaus schwer mit der Vereinbarkeit des Grundgesetzes. Sprich mal mit ehemaligen Moslems, die Christen wurden. Die werden dir erzählen, dass wir viel Liebe für die Moslems brauchen, aber sie werden dich auch warnen, die Werte hier auszuweichen. Mein Kommentar dazu. (Übrigens, ich habe schon ultra viel von der Welt gesehen, aber diese Rechtssicherheit und persönliche Freiheit, wie hier in Deutschland noch kein zweites Mal. Das sollten wir nicht einfach achtlos wegwerfen!) liebe grüße Alex

  • #2

    Marcus-B. Hübner (Donnerstag, 09 Juli 2015 08:07)

    Zum Einen: Naja, Polemik habe ich Fr. Petry ja gar nicht vorgeworfen. Entsprechend kann das dann ja auch kein Vorwurf gegen meinen Artikel sein; zumindest war ich dann nicht inkonsequent oder so.
    Polemik ist ja immer ein zweischneidiges Schwert. Der im Artikel gelobte Erasmus hat viel von ihre Gebrauch gemacht, wie auch sein Zeitgenoße Luther, oder die AT-Propheten. Sie ist sicherlich unterhaltsamer als viele nüchterene Debatten. Problematisch ist nur, dass sie eine Diskussion nicht wirklich voranbringt.
    Wo hast du meinen Artikel - abgesehen von den sarkastischen Schlussbemerkungen - als übermäßig polemisch empfunden?

    Zum Anderen: "Die Grundlage, Bibel und Koran". Das ist schon im Christentum ein sehr protestantisches Verständnis. Und, wie im Artikel erwähnt, haben sich auch die großen christlichen Kirchen mit der Demokratie äußerst schwer getan. Für das islamische Offenbarungsverständnis reicht dann eine "lupenreine Exegese" des Korans gar nicht aus. Dazu müssen die Überlieferungen Muhammads (Hadith) gezählt werden zB. Zumal eine Hadith sagt, was die Gemeinschaft der Muslime (Umma) sagt, immer wahr ist. Zumindest hat das mal mein Professor zitiert ;-) ich habe es nicht selbst nachprüfen können.

    Zum Dritten: Vielleicht magst du sogar recht haben mit der Vereinbarkeit. Ich scheine den Koran da etwas anders zu lesen als du. Aber selbst wenn du recht hast - mein Artikel hat ja eher darauf abgezielt, das böse Zungen das gleiche über das Christentum behaupten könnten. Natürlich ist dann die Frage, was man mit "Ernstmeinen" eigentlich meint. Ich würde mich sogar so weit aus dem Fenster lehnen, und es eigentlich jeder absoluten Ideologie unterstellen. Helmut Schmidt schreibst so etwas zB über einen übertriebenen (zu ernst genommenen?) Kapitalismus.
    Problematisch ist dann nicht so sehr "der Islam", oder "das Christentum", sondern die "wir gegen die"-Mentalität, die den Schlüssel zum harmonischen und friedfertigen Miteinander nicht im hart umkämpften Westfälischen Frieden sieht - der erstmaligen Festschreibung von Koexistenz unterschiedlicher Weltanschauungen - sondern in der Gleichmachung aller Weltanschauungen zu meiner.

    Zum Letzten: Unser Grundgesetz wurde in einer gewissen Weise auf eine kulturprotestantische Sicht der Bibel hin geschrieben; ich denke, das ließe sich historisch gut festschreiben. Aber was heißt das? Selbst das Bibelverständnis ist ja historisch gewachsen. Damit meine ich nicht "-verständnis" als dogmatische Positionierung (Irrtumslosigkeit etc.), sondern vor allem "-verständnis" im Sinne von Auslegung, Hermeneutik. Zumal in unserem Grundgesetz, vor allem was die Pluralität der Ansichten und solche Dinge, Rousseau und die US-amerikanischen Gründerväter wie Jefferson sicher eine wichtigere Rolle gespielt haben.

    Liebe und Gnade,
    Marcus