gelesen & geschätzt (12/2015)

Natasha Walters Living Dolls steht für ein ganz anderes Lager als meines Eigenes.

Gerade deswegen habe ich ihr Buch mit Neugier gelesen,

und erkannt: Wir stellen die selben Fragen, aber geben andere Antworten.

Wer sagt mir, wer ich bin?


Rezension zu: Walter, Natasha, Living Dolls. Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen, Frankfurt/Main: S. Fischer 2011


Vor einigen Wochen habe ich den Fehler gemacht, ein paar meiner konservativeren Freunden gegenüber anzudeuten, dass mir Gender Mainstreaming nicht ganz so dämlich vorkommt, wie uns die Birgit Kelle im tendenzösen Gaga-Tenor vermitteln will.

Das habe ich vor allem deswegen gesagt, weil ich zwar Judith Butler nicht unbedingt zustimmen kann, in meiner kurzen Lektüre von Gender Trouble aber nicht den Eindruck hatte, sie wäre völlig ungebildet und könnte zwei und zwei nicht zusammen zählen.

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Oft bin ich etwas entmutigt, wenn ich mir die harten Linien ansehe, die wir zwischen den Gruppen unserer Gesellschaft ziehen. Dabei werden diese Linien auf allen Seiten mit spitzer Feder gemalt; als ob es eine Gefahr wäre, wenn jemand sich zwischen die Lager stellt.

Interaktion zwischen den Lagern findet so aber nur noch wenig statt. Wir haben das wieder gesehen, als Fr. Kramp-Karrenbauer es gewagt hat, sich gegen die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der traditionellen Ehe auszusprechen. Womit ich nicht sagen will, dass ich ihr zustimme: Nur habe ich niemanden gesehen, der mit ihrem eigentlichen Sachargument interagieren wollte. Lieber wurde beschämt, gebrüllt, beleidigt.

Ich habe nicht den Eindruck, dass demokratisch-freiheitlicher Dialog so funktioniert.

Und mit Gender Mainstreaming, wie auch klassischem Feminismus, scheint es mir ähnlich zu sein, wenn ich die gefühlte Panik in rechts-konservativen Medien betrachte.

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Als ich vor einigen Wochen Natasha Walters Living Dollsaufschlug, war dabei vorallem die Neugier Triebfeder, auf welche Arteine „klassische“ Feministin mit der gegenwärtigen Gesellschaftskultur interagieren würde. Man sollte dabei bedenken, dass Walter noch vor wenigen Jahren den Kampf des Feminismus als beendet erklärte, die letzte Front in der Gehaltsgleichstellung sah.

Living Dolls ist in diesem Sinne eine Art verwundertes Aufblicken: Was ist passiert seit dem?

Als Ganzes ist das Buch in zwei große Teile aufgeteilt, wobei sich der erste mit dem „Neuen Sexismus“, der zweite mit dem „Neuen Determinismus“ befasst. Natasha versucht sich also an einem Rundumschlag: Während an der einen Front die Gesellschaft durch ihre Sättigung mit sexuellen Reizen jungen Frauen das Gefühl vermittelt, eher durch große Brüste einen guten Standpunkt zu erreichen als durch ein gutes Abitur, sagt sie an der anderen Front, dass junge Frauen sowieso nicht anders können, als sich so zu verhalten.

Damit erkennt Natasha die beiden klassischen Fronten des Feminismus in unserer Gesellschaft neu aufflackern – die Sexualisierung des weiblichen Geschlechts, sowie die festgeschriebene Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Das Buch besticht dabei mit einer angenehm-unterschwelligen Polemik. Es ist nicht im Stile mancher greller Modernfeministen voller Wut und Bitterkeit geschrieben, sondern stellt sich lieber auf fast empirische Grundlagen von Beobachtung und Interview. Das bedeutet nicht, dass die charakteristische Polemik dieser ganzen Debatte nicht gerade in der Interpretation der Daten durchaus durchschimmert.

Vor allem der erste Teil schien mir dabei einen wichtigen Punkt zu sehen. Die Grundthese, dass die Sexualisierung unserer Kultur dazu führt, dass junge Frauen sich wieder einer zunehmenden Objektifizierung ausgesetzt sehen, ist glaube ich unstrittig. Natashas Erkenntnis, dass viele junge Frauen dabei nicht einmal wissen, dass das ein Problem ist, ist dabei Interpretation, aber eine ziemlich solide.

Wir nennen das Sex Sells, und geben dabei dem unkontrollierten Markt die Hoheit über unsere intimsten Orte.

Der zweite Teil befasst sich mit der These, dass biologische Faktoren auch Einfluss auf unser Verhalten haben – speziell im Bezug auf unser Geschlecht. Natasha verweigert sich dem Gedanken, dass es ein „typisch weibliches“ oder auch „typisch männliches“ Verhalten gäbe. Dabei interagiert sie mit einigen Metastudien, die zu diesen Ergebnissen kommen. Diesen Teil des Buches fand ich dabei weniger schlüssig. Zeitweise schien sie in diesem Punkt einfach nicht sehen zu wollen, was nach allen Standards soziologischer Wissenschaft als Erkenntnis erarbeitet wurde.

Nun kann ich durchaus verstehen, was Natasha stört. Das Problem scheint mir aber nicht darin zu liegen, dass es „typisch weibliches“ oder „typisch männliches“ Verhalten als solches geben könnte, als mehr in einer gesellschaftlichen Überhöhung dieses Konzeptes. Die Ergebnisse der zitierten Metastudien scheinen eher eine sehr rudimentäre Prädisposition zu bestimmten Verhaltensweisen aufzuzeigen, nicht aber, dass jeder Junge lieber mit blauen Baggern spielt, während jedes Mädchen ab liebsten pinke Prinzessin sein möchte.

In diesem Sinne spricht Natasha ein sensibles Problem an, das wirkliche Beachtung verdient. Gerade in konservativen Kreisen halten wir gerne victorianische Ideale, und Jane-Austen-Romantik für biblische Motivik, die sich mir nicht gleich erschließen will. Dabei müssen wir unsere Seele nicht gleich einer völligen „Gleichmacherei“ verkaufen (Achtung, bewusst zynisch), um zu sehen, dass die Ausgestaltung der eigenen Geschlechtsidentität zu gleichen Teilen gewählt und in die Wiege gelegt sein könnte.

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In Natashas Buch hat mir vor allem gefehlt, dass sie eine gangbare Alternative vorstellt. Es handelt sich mehr um das Aufdecken von Missständen. Dabei findet sich aber keine Notiz darüber, dass die Befreiungsbewegungen der 68er und der damit eng verwobene Feminismus erst dazu beigetragen haben, dass wir unsere Identität mit unserer Sexualität in absoluter Abhängigkeit – teilweise sogar absoluter Übereinstimmung – sehen. Wenn Jungfrau, 40, männlich, sucht... nur die Eisbergspitze dessen ist, wie wir mit unserer Sexualität – und der Sexualität anderer – umgehen, dann ist es kein Wunder, dass junge Frauen sich darüber definieren wollen.

Weil wir nach uns selbst suchen. Und alle Welt uns sagt, dass wir uns im Bett finden.

Mit der Geschlechtsidentität scheint es mir ähnlich zu sein. Wieso muss sich ein Mann dafür rechtfertigen, Rosamunde-Pilcher Filme zu mögen? Oder Frauen, dass sie gerne an Autos schrauben? Was daran ist „(un-)typisch männlich“, oder „(un-)typisch weiblich“?

Die Frage, die Natasha in ihrem Buch für uns aufwirft, ist dann diese: Wie können wir eine Gesellschaft gestalten, in der sich Identität finden lässt? Wie kann die Suche nach Identität so gestaltet werden, dass sie möglichst frei ist, und uns nicht die Identität anderer Menschen und Traditionen auferlegt?

Meine evangelikale Spiritualität gibt mir dann einen weiteren Blick, und mein eigener Versuch, Identität zu bestimmen, ist gleichsam davon geprägt. Darin liegt die quasi-existenzialistische Vermutung, dass der Mensch jenseits von Eden – und damit jenseits einer gesunden Beziehung zu Gott – Identität überhaupt nur vorläufig definieren kann.

Die Zerbrochenheit der Menschheit zieht sich eben auch in der Identität fort – auch die ist zerbrochen.

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Natashas Buch ist ein guter Einblick. Es hat mir geholfen, „den Anderen“ einmal mit der eigenen Stimme sprechen zu hören; und zu erkennen, dass vieles gar nicht dumm ist. Gleichzeitig zeigt es mir, dass die Gesellschaft, wie sie existiert, kein Optimum ist.

Damit stellen Natasha und ich gerne die selben Fragen, sind dabei Collaborateure in der Analyse. Die Antworten, die wir zu geben versuchen sind dabei grundverschieden.

Aber ich denke, das ist okay.


Gnade und Liebe und alles,


Marcus-B.

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