Gott für Seele und Verstand

Wenn es um den Gottesglauben geht, kommt es manchem manchesmal so vor,

als ständen Verstand und Gefühl gegen einander.

Ich versuche mich an einer Harmonisierung.

Vom Sinn des Lebens zum Sinn für den Verstand


„We hold these truths to be self-evident...“, beginnt einer der wunder-vollstens Sätze in der Literaturgeschichte, bevor er sprachmelodisch, fast-poetisch fortfährt, „that all men are created equal, that they are endowed by their creator with certain unalienable rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ (zitiert nach Hunt, Lynn, Inventing Human Rights. A History, New York: W.W. Norton 2007, S. 216)

Mit dieser Idee beginnt nach der Präamble die Endfassung der US-Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Natürlich.

Und auch wenn die Vereinigten Staaten nicht den allerbesten Ruf in aller Welt genießen, schauen viele Menschen zumindest auf ihrem historischen Auge mit einer gewissen Bewunderung auf dieses Land.

Nicht, dass dieser Satz irgendwie mit sofortiger Wirkung die Ungleichheit zwischen Mann und Frau, Sklaven und Freien, Schwarzen und Weißen, Griechen und Barbaren aufgehoben hat. Mehr war es eine Wahrheit, die am Anfang erkannt, und erst mit den Jahren und Jahrzehnten angewandt wurde.

Moment, wenn es alle Menschen betrifft, sollten dann nicht auch Frauen/Sklaven/Homosexuelle...?“

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In den letzten Tagen ist mir dieser ersten Teil des Satzes nicht aus dem Kopf gegangen. Nicht zuletzt, weil ich gerade zwei Bücher über die Entwicklung der sog. Menschenrechte parallel lese. An der Unabhängigkeitserklärung kommt niemand vorbei, wenn er von den Menschenrechten schreiben will.

Es ist die Formulierung „self-evident“, die uns als (post-)moderne Leser halten lässt. Was kann damit gemeint sein? Und es ist faszinierend, dass weder Jefferson noch sonst ein Revident der Unabhängigkeitserklärung es für notwendig hielt, diese Formulierung in späteren Jahren näher zu erläutern oder zu verbessern. Selbstevidenz muss selbstevident sein, sonst kann sie ja nur schwerlich existieren.

Interessant ist allerdings, das nicht nur die US-amerikanische Erklärung mit dem Bekenntnis zur Selbstevidenz beginnt. Auch die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die 13 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung entstanden ist, schreibt davon, dass


„ignorance, neglect or contempt of the rights of men are the sole causes of public misfortunes and governmental corruption“

und etwas später schreiben sie, dass diese Rechte „natural, unalienable and sacred“ sind (Ebd., S.220)


Angesichts dessen, dass wir in politischen und moralischen Debatten ohne Unterlass auf die Menschenrechte verweisen, und uns als letzte absolute moralische Instanz auf sie verlassen wollen, ist es schon faszinierend, dass die ersten Menschen, die in diesen Kategorien gedacht haben, keinen Grund dafür sahen, sie auf eine absolute, logische Grundlage zu stellen. Das ist dann auch der Grund, wieso Samuel Moyn sein berühmtes Buch über die Menschenrechte The Last Utopia nennt. Weil sie eine Utopie nicht darum scheren muss, ob sie auf einer umsetzbaren Grundlage steht.

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Eine Szene in der Netflix-Serie The Returned hat mich hierbei zwei Gedanken miteinander verbinden lassen. In der Serie geht es um Menschen, die Jahre nach ihrem Tod wieder in ihrer Heimatstadt – einer Kleinstadt in den Rocky Mountains – auftauchen und keinerlei Erinnerungen an ihren Tod oder die Jahre dazwischen haben.

Wie geht man damit um? Und vor allem: Warum sind sie wieder da?

Ein junges Mädchen in dieser Serie, die bei einem Schulausflug ums Leben gekommen ist, versucht ihre „zweite Chance“ zu nutzen, indem sie den Eltern ihrer ehemaligen Klassenkameraden Hoffnung machen will. Dafür erzählt sie allerlei rührselige Geschichten von der Zwischenwelt, in der die Teenager auf ihre Eltern warten. „Es geht ihnen gut.“, sagt sie immer wieder. Und: „Sie haben Frieden gefunden.“

Nichts davon ist wahr, weiß der Zuschauer. Camille hat keinerlei Erinnerungen an eine Zeit zwischen Unfall und Rückkehr.

„Das geht doch so nicht.“, sagt deswegen auch ihr Vater, den die Verzweiflung über den Unfall der Tochter in den Alkohol getrieben hat. „Sie lügt sie doch an.“

Ihre Mutter allerdings sieht es etwas anders. „Lass es gut sein.“, sagt sie, resignierend. „Sie müssen doch weiterleben.“

Bei dieser Szene musste ich daran denken, wie manche von euch auf meine Gedanken letzter Woche reagiert haben. „Natürlich“, haben manche gesagt, „ist es schöner wenn alles Sinn macht. Aber nur weil es schöner ist, ist es noch lange nicht richtig.

Dem zugrunde liegt eine Vorstellung von Wissen, die recht einseitig ist. In aufklärerischer Manier halten wir Wissen gerne für etwas, das in der Laboratorien der Universitäten entwickelt wird – hermetisch abgeriegelt von jeder Beeinflussung durch unsere Gefühle.

Aber unsere Hoffnung auf das Utopia der Menschenrechte straft diesen Gedanken lügen. Lynn Hunt bringt das in ihrem faszinierenden Buch Inventing Human Rights beeindruckend auf den Punkt, wenn sie schreibt:


„Human rights are difficult to pin down because their definition, indeed their very existence, depends on emotions as much as on reason. The claim of self-evidence relies ultimately on an emotional appeal; it is convincing if it strikes a chord within each person.“ (Ebd., S.26)


Ich verstehe Lynn an diesem Punkt so, dass die moralische Tragweite einer Idee von grundsätzlichen Menschenrechten nicht die Gleiche wäre, wenn sie rein aus Logik und Philosophie abgeleitet wäre. Das gäbe den Menschenrechten etwas kühles, berechnendes. Es wären nicht mehr Menschenrechte, als eher Verstandesrechte, die sich auf den Menschen übertragen.

Menschenrechte sind nur dann „self-evident“, wenn sie sowohl auf der Verstandes- wie auf der seelischen Ebene unmittelbar einleuchten, keiner weiteren Begründung bedürfen. Und gerade deswegen lassen sie uns von einem letzten Utopia träumen.

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Als ich darüber nachdachte in den letzten Tagen, kam ich irgendwann zu dem Ergebnis, dass sich dieser Gedanke auch auf den Glauben an Gott übertragen ließe.

Dass nämlich der Glaube gerade dann nicht seine ganze Kraft entfalten kann, wenn er allein auf dem Verstand oder auf dem Gefühl basieren soll.

Und zu viele habe ich gesehen, die mit dem einen oder anderen Ansatz Schiffbruch erlitten haben.

Mehr muss der Glaube eine Selbstevidenz haben, die gleichsam dem Verstand wie dem Gefühl entspricht. Ich kann dich nicht hineinargumentieren in den Glauben an Gott, wiegleich ich auch nicht durch schöne Rede und Hoffnung dich hineinlieben kann.

Es ist Friedrich Schleiermacher, der mir hier etwas zu sagen hat, denke ich.


„Das ist meine Gesinnung über diese Gegenstände.“, sagt er, resümierend, am Ende seiner ersten Rede über die Religion. „Gott ist nicht Alles in der Religion, sondern Eins, und das Universum ist mehr; auch könnt Ihr ihm nicht glauben willkührlich, oder weil Ihr ihn brauchen wollt zu Trost und Hülfe, sondern weil ihr müßt. Die Unsterblichkeit darf kein Wunsch sein, wenn sie nicht erst eine Aufgabe gewesen ist, die ihr gelöst habt. Mitten in der Endlichkeit Eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in einem Augenblick, das ist die Unsterblichkeit der Religion.“ (Schleiermacher, Friedrich, Über die Religion (1799), Berlin: Walter de Gruyter 2001, S.115)


Es ist nicht etwa so, dass ich Schleiermacher immer und überall zustimme. Ich denke aber, dass er dem Glauben an Gott eine wichtige Dimension hinzugefügt hat.

Er ist nicht Verstand und Wissenschaft allein,

wiewohl er auch nicht davon abgetrennt ist.

An Gott zu glauben ist Wissen, wenn man teilweise auch nur fühlen mag, dass es mehr geben muss.

In diesem Sinn will ich sagen:

„Ich halte diese Wahrheit für selbst-evident: Dass es einen Schöpfer gibt, einen Gott, einen Retter aller Menschen.“

Und vielleicht, denke ich, mag ich hier nur in einen uralten Chorus einstimmen, den schon Paulus angestimmt hat (Röm 1,20).


Hoffnung, und Gnade, und alles,

wünscht,


Marcus-B. Hübner

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Kommentare: 3
  • #1

    Szenon (Donnerstag, 23 Juli 2015 17:36)

    «An Gott zu glauben ist Wissen, wenn man teilweise auch nur fühlen mag, dass es mehr geben muss.» Der bekannte französische Philosoph Louis Cattiaux (1904–1953), “Die Wiedergefundene Botschaft” (Herder, 2010, S.307), schreibt: «Gott ist keine Hypothese, er ist eine weissglühende Wolke, er ist ein lichtdurchlässiger Stein, er ist eine auf immer lebendige Realität.»

  • #2

    Marcus-B. (Freitag, 24 Juli 2015 08:47)

    Vielen Dank für das Zitat. Es gefällt mir.
    Aber ich kann auch grundsätzlich viel mit Lyrik anfangen. Nur die Liebe und die Lyrik feiern ja die Kryptik mehr als die Klarheit.
    Was denkst du, was die weissglühende Wolke, der lichtdurchlässige Stein bedeuten sollen?

    Lieber Gruß,
    Marcus

    P.S. Würde mich über einen Klarnamen freuen. Gibt schon zu viel Anonymität :)

  • #3

    Hans van Kasteel (Szenon) (Freitag, 24 Juli 2015 14:10)

    Eine Stellung in der Bibel sagt: «Unser Gott ist ein Felsen (oder: ein Stein)». Das Zitat von Cattiaux ist wahrscheinlich damit verbunden. Die Wolke ist vielleicht die erste göttliche Manifestation, der Stein die letzte, die konkretste und fühlbarste.