gelesen & geschätzt (11/2015)

Preston Sprinkle versucht, Gnade im Alten Testament zu finden.

Dabei gelingt ihm ein faszinierendes, nicht akademisches Buch,

dessen Konzept von Gottes Sturheit besonders überzeugt.


„Bitte, sei so stur.“


Rezension zu: Sprinkle, Preston, Charis. God's Scandalous Grace for Us, Colorado Springs: David C. Cook 2014


Als ich mit meinem Theologiestudium begonnen habe, war meine Motivation eigentlich, dass ich herausfinden wollte, wieso ich recht habe. Und, wenn ihr mir diese Verallgemeinerung verzeiht, ich bin auch überzeugt davon, dass es den meisten Theologiestudenten so geht.

Wir mögen uns einer Offenheit rühmen, oder einer Standfestigkeit, aber im Grunde haben wir wenig Vorstellungen davon, wie mächtig Wissen sein kann. Denn ihre erste Maßnahme an jedem, der sich mit ihr einlässt, ist alle vorher gefassten Grundsätze zu untergraben.

Sollte es wirklich stimmen, dass...?“

Heute, nach einigen Jahren intensiven Studiums komme ich mehr und mehr zu der Erkenntnis, wie viel Gnade es war, dass manches von dem, was ich früher angenommen habe, tatsächlich ein gesundes Fundament hat.

Einer der erstaunlichsten Anteile an einem solchen Lernprozess ist, wie mein eigener Lernfortschritt auch einen Einfluss auf meinen Umgang mit anderen Menschen hat.

Vor ein paar Tagen hat ein Freund zu mir gesagt, dass er die Gespräche mit mir jetzt genießen kann. „Wieso?“, habe ich zurück gefragt. „Du bist gnädiger geworden“, hat er geantwortet.

Gnade.

Es gibt in der ganzen Geistesgeschichte sicher keine Idee, die mehr Sprengkraft besitzt, die so sehr gegen die Intuition des Menschen geht. Der gleiche Freund, der mir sagte, ich sei gnädiger geworden, fragte später an dem Abend auch, ab welchem Punkt man denn Gnade fahren lassen sollte, und Gerechtigkeit verlangen.

Es ist doch nicht falsch, Gerechtigkeit zu verlangen, oder?

Gnade.

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Der amerikanische Theologe Preston Sprinkle hat mit Charis ein Buch vorgelegt, das sich in erster Linie mit dem Konzept der Gnade im Alten Testament auseinander setzen möchte. Das mag manchem merkwürdig vorkommen, weil wir nicht unbedingt an das Alte Testament denken, wenn es um das Konzept von Gnade geht. Sprinkle geht aber sogar noch weiter, als nur zu behaupten, dort fände sich auch Gnade.


„I tell my students that the reason we don't offer a course on grace is because we already offer several courses on the Old Testament. A class on grace would be redundant, superfluous, a swift kick to an already dead horse.“ (S.15)


Gleichzeitig definiert Spinkle ein gewichtiges Problem mit Gnade im gegenwärtigen Evangelikalismus: wir haben sie gezähmt. Die Gnade, von der wir reden, ist eine Hausgnade – eine schöne Idee, die wir gerne aus dem Hut zaubern, wenn es uns gerade passt. Wenn wir uns aber Gnade vor Augen führen lassen, in ihrer ganzen Breite, Tiefe, Höhe und Weite, dann ist sie so viel mehr.


„Grace is not just God's ability to save sinners, but God's stubborn delight in his enemies – yes, even the creepy ones.“ (S. 24; kursiv im original)


Es liegt eine gruselige Kraft in dem Gedanken bedingungsloser Gnade. Kraft, weil sie jede Form von Scham und Angst, von Ausgrenzung und fast jeder Problematik moderner Gesellschaften aufzuheben vermag. Gruselig, weil sie uns oft so gegen den Strich geht. Das Problem ist, dass Gnade sich mit Vorliebe gerade diejenigen Menschen aussucht, die sie nicht verdient haben.

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Am Faszinierendsten fand ich in dem Buch den Gedanken der „sturen“ Gnade Gottes. Es schwingt etwas Erbarmungsloses in diesem Wort „stur“ mit (engl. stubborn). Eine sture Person ist so lange unangenehm, wie sie Interessen vertritt, die unseren entgegenstehen. „Der Klügere gibt nach.“

Nur sind wir auch irgendwie froh, dass Wilberforce stur darum gekämpft hat, die Sklaverei im britischen Königreich abzuschaffen. Gut, dass er stur war.

Wir sind auch froh, dass sich Menschen wie Friedrich Schindler im NS-Reich nicht haben abhalten lassen, stur für das Leben zu kämpfen.

Sturheit ist dann anziehend, wenn sie um die richtigen Dinge kämpft.

Sprinkle schreibt in Charis häufig davon, dass Gott stur an uns festhält, sich nicht abbringen lässt von seinem Vorhaben uns in Sicherheit zu lieben.

In diesem Aspekt scheint mir Preston auf etwas gestoßen, der mehr Meditation verdient, als es im Rahmen einer Rezension möglich ist.

Denn mir scheint gerade in dem Gedanken der Sturheit eine große Kraft zu liegen. So lange wir Gottes Gnade als Gentlemen-like verstehen wollen, wird sie irgendwie immer verdient sein. Zumindest haben wir uns dann entschieden, ihn tun zu lassen, gnädig sein zu lassen. Der Sturheit liegt ein anderes Konzept zugrunde. Hier kann ich einen Augen-Blick erhaschen von einer Gnade, die nicht nur zähneknirschend da ist, wenn ich versage, sondern gerade darin ihrer Natur nachkommt.

„Ich bin da, keine Angst.“

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Man sollte wohl deutlich sehen, dass das Buch an sich kein akademisches Interesse verfolgt. So gut wie alle Erkenntnisse in diesem Buch um den AT-Text an sich sind weder neu noch unumstritten. Eine Interaktion mit anderen Verständnissen der Hosea-und-Gomer Geschichte, des sog. Proto-Evangeliums in 1Mo 3,15 oder der historischen Wirklichkeit der Patriarchenerzählung findet nicht statt. Solche Erkenntnisse sollte man von diesem Buch also nicht erwarten.

Das allerdings liegt freilich auch außerhalb des Blickpunktes des Autors.

Charis ist kein Buch, dass dem Verstand etwas mitgeben soll. Mit diesem Buch möchte der Autor Seelen heilen. Oder weniger er, als dass er dadurch auf die einzige Kraft aufmerksam machen will, die der Seele Heilung schenken kann.

Weniges daran ist neu, auch wenn Preston großspurig ankündigt, dass es sich nicht um ein weiteres normales Buch über Gnade handelt. „Trust me, this one will be different. I promise you.“ (S.15)

Vieles in diesem Buch wird Lesern von Tullian Tchividjians One Way Love bekannt sein, manche Formulierungen erinnern an Mark Driscolls frühe Jahre, in denen er wütend war, aber Gnade trotzdem immer im Mittelpunkt stand.

Wahrscheinlich ist Gnade am Ende auch ein Welterleben, das den Verstand übersteigen soll, weil unser Verstand immer darauf ausgelegt ist, die Dinge für uns dingbar zu machen, uns zu unterwerfen, für uns zu gebrauchen.

Aber Gnade lässt sich nicht dingbar machen.

Gnade lässt sich überhaupt nicht in irgendein Joch spannen. Sie ist da, sie soll vorhanden sein.

„If Grace is an ocean, we're all sinking.“, singt John Mark MacMillan.

In diesem Sinne hat Preston dann vielleicht sogar Recht. Dieses Buch ist anders. Nicht, weil es sich von anderen Büchern über Gnade unterscheidet. Sondern weil Gnade nie etwas „Normales“ ist. Und weil eine der fundamentalsten Überzeugungen meines Lebens, meiner Spiritualität; weil eines der wenigen Dinge, die ich auch nach meinem Studium noch sicher zu wissen meine, und von dem ich, stur wie ich sein will, nicht ablasse, dieses ist:

Gnade ist die Kraft, die diese Welt aus den Angeln hebt. Auf gute Weise.


Hoffnung und Frieden und alles,

wünscht


Marcus-B. Hübner

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