Ein zweiter Blick auf Gärten und Feen

Warum muss denn alles Sinn machen?, ist eine Frage,

die mir in letzter Zeit gestellt wurde.

Im Kontext von Kunst und Schönheit versuche ich mich an einer Antwort.

Als ich vor ein paar Wochen gepredigt habe, kam eine junge Frau auf mich zu und fragte mich, wieso ich eigentlich an Gott glaube. Smalltalk bei verbranntem Kaffee und Butterkeksen. Klassisches Erleben freikirchlicher Gottesdienstgestaltung.

Es ist nicht so einfach, zu definieren, wieso jemand an Gott glaubt. Dafür sind die Herkünfte religiöser Gefühle zu kompliziert.

Und dann eben auch so einfach. Ich glaube an Gott, im Grunde, weil ich Mensch bin. Und mit Schleiermacher fällt es mir nicht schwer zu erkennen, dass die Religion unser Erleben der Wirklichkeit erst vollkommen macht.

Etwas in mir als Mensch drängt mich dazu, meinen Gottglauben nicht aufzugeben – selbst, wenn es manchmal nicht wie die klügste Entscheidung aussieht.

Ich denke, dass der Grund dafür mein Bedürfnis nach Hoffnung und Sinn ist.

So zumindest war meine recht kurze Antwort an jenem Sonntag.

„Aber“, sagte die junge Frau zu mir, „warum muss das Leben denn Sinn machen?“

Ist das nicht eine gute Frage? Das sind die Art von Fragen, aus denen Philosophen gemacht werden. Michael Sandel sagte in einem Interview mal, dass die Aufgabe der Philosophen ist, die Frage „Warum“ zu stellen, nicht die Antwort auf „Warum“ zu geben. Das „Warum“, sagt Sandel nicht, sondern füge ich an, ist dann die Domäne der Metaphysik, der Theologie und Spiritualität, der Lyrik und Kunst.


Gärten, Feen und Douglas Adams

Douglas Adams, der Autor von Per Anhalter durch die Galaxis und einer der wenigen Atheisten, die ihre Weltsicht nicht immer mit einem grimmigen Unterton unter die Leute bringen müssen, sagte einmal: „Ist es nicht genug, die Schönheit eines Gartens zu bestaunen, ohne an seinem Grund auch noch Feen vermuten zu müssen?“

Ich denke, dass Adams einen spannenden Punkt anspricht. Wieso muss man eine metaphysische Wirklichkeit erkennen, wenn die Physik selbst in ihrer Komplexität schon die Seele in Staunen versetzen kann. Und ist Staunen nicht irgendwie die Definition von Schönheit?

Ist das nicht Sinn genug?

Seit ich die oben genannte Frage von der jungen Frau gestellt bekam, ist mir Douglas Adams Satz oft in den Sinn gekommen. Und mir dadurch die Folgefrage, ob meine Spiritualität vielleicht sogar eine Last. Kann ich die Welt vielleicht gar nicht genießen, nicht genug jedenfalls, gerade weil ich an ihrem Boden Feen vermute?

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Gestern hat ein lieber Freund zu mir gesagt, ich sei ein Schöngeist. Und irgendwie mochte ich diese Bezeichnung. Sie beschreibt ja, dass sich mein Geist mit dem Schönen verbinden will, schon von der Bezeichnung her. Das Schöne zu suchen ist eine Aufgabe, sagt dieses Wort, das nur ein Mensch tun kann.

Schönheit in seiner quasi-tanszendenten Bedeutung hat in einem rein materialistischen Weltbild eigentlich keinen Zweck. Natürlich, man kann körperliche Attraktivität bei Säugetieren als etwas beschreiben, das dem Fortpflanzungstrieb entgegenkommt. So wie eine schöne Blume es vielleicht vermag, mehr Bienen anzulocken. Oh Gott, das mit dem Blumen und Bienen.

Aber das hat nicht wirklich etwas mit der Schönheit von Kunst zu tun. Nicht umsonst haben Philosophen darauf hingewiesen, dass der Utilitarismus – vielleicht der animalischste Ansatz, Moral zu verstehen – keine Grundlage dafür hat, eine Aufführung von Shakespears Hamlet einem Boxkampf oder einem Monstertruckrennen vorzuziehen.

Aber wieso schlägt unser Herz schneller bei Friedrichs Frau vor aufgehender Sonne?

Wieso kommt etwas zum Klingen in uns, wenn Emily Dickinson von der „Endlosigkeit der Welt“ schreibt und wir es seelen-singend lesen?

Wieso sagt mir meine atheistische Arbeitskollegin, dass sie beim Anblick von Michelangelos Römischer Pietà weinen musste? „Alleine wegendesFaltenwurfs!“

Ich denke, der Grund dafür ist, dass wir diese Schönheit eigentlich nicht betrachten können, ohne die sprichwörtlichen Feen auf ihrem Grund zu sehen. Friedrichs Werke sind nicht einfach schön aus einen undefinierbaren Grund – sie sind schön, weil sie die Ansichten des Malers hervorheben, und wir uns damit identifizieren können.

Sie sind schön, weil sie uns allen gemein sind.

Sie sind schön, weil sie das allgemeine, all-menschliche Welterleben auf den Punkt bringen.

Der Garten, heißt das, würde nicht so zauberhaft sein, wenn die Feen nicht auf ihren Grund sind.

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Natürlich kann ich das einfach behaupten, und ihr könntet etwas Anderes behaupten oder euch einfach daran freuen. Aber ich denke, dass diese Analogie von Adams uns noch etwas anderes sagt. Nicht nur wird Schönheit erst vollkommen, wenn wir ihre transzendente Wirklichkeit betrachten.

Auf den zweiten Blick gibt es keine Schönheit abseits der Transzendenz.

Und dabei ist es so faszinierend, dass Adams gerade das Beispiel des Gartens benutzt. Wobei ich nicht das altbekannte Argument William Paileys wieder ausgraben will, dass jede gefundene Uhr einen Uhrmacher braucht.

Nein, mehr möchte ich fragen, wo genau wir in der Natur eigentlich Schönheit entdecken können?

Die Antwort ist sicher, dass die ruhigen Momente, die Sonnenauf- und untergänge, das friedvolle Vogelgezwitscher auf dem Morgenlauf durch den Wald, und doch Schönheit vermitteln. Aber dabei bedenken wir nicht, dass es sich hierbei nur im eine sehr geringe Perspektive handelt.

Im Ganzen betrachtet ist weder das Leben noch die Natur wirklich schön. Denn wo Leben ist, droht schon vom Anfang her der Tod. Selbst neues Leben wird aus dem Schmerz der Mutter geboren. Und es mag ein wunderschöner Kreislauf des Lebens sein, der uns von einem alten Pavian besungen wird. Aber im Grunde kann nur im Ausblenden der Grausamkeit der Natur und des Lebens die Erkenntnis von Schönheit liegen.

In diesem Sinne gleich Adams einen Kind, der sich die Finger in die Ohren steckt und sagt: „Ich will das nicht sehen, ich will das nicht hören, ich will davon nicht sprechen.“

Der zweite Blick auf den Garten zeigt uns den Komposthaufen ganz hinten, den toten Hasen im Maul der Hauskatze und die aufgewühlten Gemüsebete von den Feldmäusen.

Schönheit ist eine Illusion.

Es sei denn, man kann eine höhere Realität annehmen als die, die das Auge wahrnimmt.

Wenn dahinter ein Plan liegt, eine Wirklichkeit die größer ist, dann mag hier nicht alles schön sein, aber zumindest habe ich dann die Hoffnung, dass am Ende alles seinen Sinn hatte.

So wie die Casting Crowns singen, dass sie den Tag nicht erwarten können, wenn sie zurückblicken und alle Puzzleteile an ihren Platz zu fallen scheinen.

Oder so, wie der Prophet Jesaja aufschreibt, dass die Gedanken Gottes Gedanken des Friedens sind, und nicht Unheil (Jes 29,11).

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Nach einigem Grübeln ist mir damit die Antwort eingefallen, die ich der jungen Frau gerne geben würde.

„Muss denn alles Sinn machen?“, fragte sie mich.

Und ich würde antworten: „Nun ja, wenn du das Leben genießen willst, dann schon.“


Gnade und Frieden und alles,

wünscht,


Marcus-B. Hübner

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