gelesen & geschätzt (10/2015)

Jörg Lauster schreibt einen Gang durch 2000 Jahre Kulturgeschichte.

Und dabei winkt Friedrich Schleiermacher überall.

Ein großartiges, einzigartiges Buch!


An Schleiermachers Hand durch die Geschichte


Rezension zu: Lauster, Jörg, Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums, München: C.H. Beck 2014


Vorbemerkung: Für diesen Artikel hat mir der C.H. Beck Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dafür bin ich sehr dankbar!


Manchmal bekommt man Bücher in die Hand, und man merkt vom ersten Moment an, dass man sie nicht mehr loslassen möchte. Ihr Inhalt verspricht dir nicht nur Unterhaltung, sondern Weisheit. Abgesehen davon, dass der Inhalt eines Buches seinen Reiz ausmacht, haben manche dieser Bücher auch noch ein schmeichelndes Äußeres, alles scheint zu stimmen.

Vielleicht ist „man“ zu generell. Ich kann zumindest davon sprechen, dass es mir manchmal so geht.

Als ich vor einigen Wochen in einer kleinen, gemütlichen Buchhandlung in Marburg stand und Jörg Lausters Monumentalwerk Die Verzauberung der Welt aufschlug – eigentlich nur, weil mir der Titel so sehr gefiel – wusste ich, dass ein solcher Moment gekommen war.

Das Versprechen von Weltwissen und theologischer Finesse waren unwiderstehlich. Und wieso sollte ich auch widerstehen? Nichts hindert mich, zu lesen.

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Jörg Lauster ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der namhaften Philipps-Universität in Marburg und gleichzeitig geschäftsführender Direktor des Rudolph Bultmann Instituts für Hermeneutik an derselben. Das gibt ihm einen großen Kranz akademischer Vorschusslorbeeren, und dem Buch einen gewissen professionellen Heiligenschein. So jemand kann ja nicht unrecht haben.

Und tatsächlich besticht das Buch durch eine Einfachheit, die zum einen historiographisch 2000 Jahre Geschichte im christlichen Kulturraum darstellen, sie aber gleichzeitig um ein einziges Thema einen will: Der Überschuss an Transzendenz, der in der Person Jesu von Nazareth den Menschen begegnet. Oder, in eigenen Worten:


„Das Christentum ist die Sprache eines Weltgefühls, das den Überschuss als das Aufleuchten göttlicher Gegenwart in der Welt versteht, es ist daher die Sprache einer kontinuierlichen Verzauberung der Welt. Diese Verzauberung endet in der Moderne nicht, sie nimmt andere Formen an.“ (S.13)


Gerade darin kommt Lauster der Religionsphilosophie Friedrich D.E. Schleiermachers und der Frühromantik sehr nahe. Es wäre nicht richtig, Lausters Arbeit in eine simple Abstammungslinie mit Schleiermacher zu stellen. Sehr wohl kann man sich ihn aber an der Hand des großen protestantischen Theologens der Neuzeit sehen, von ihm inspiriert beeinflusst und zeitweise geleitet, versucht er, der Vergangenheit, Gegenwart und bedingt sogar der Neuzeitden „Geschmack des Universums“ (S.476)abzuringen. Das Schleiermachersche Erbe findet sich im ganzen Buch, lässt sich aber exemplarisch an der Bewertung des Josephinismus' in Österreich ablesen, dem er bescheinigt „[d]ie Rechnung […] ohne den Wirt gemacht [zu haben]“. Das Problem einer „Religion die sich nur vernünftig gibt“ ist, dass sie „an den alltäglichen Bedürfnissen nach einer religiösen Lebensführung vorbeigeht – und damit am Wesen der Religion selbst.“ (S.435). Im Lichte Schleiermacher steht Lauster darin, dass er der Religion ein eigenständiges Wesen der Wirklichkeitswahrnehmung zugesteht, neben Handeln und Denken ist sie die Form, wie wir den „Geschmack des Universums“ wahrnehmen.

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Es ist natürlich ambitioniert, 2000 Jahre Geschichte um ein einziges Thema zu ordnen. Es spricht sicher auch für ein Selbstbewusstsein, ohne das ein solches Werk sicher auch nicht möglich wäre. Auch dieses Selbstbewusstsein täuscht nicht darüber hinweg, dass der Ansatz nicht in jedem Fall überzeugen kann.

Zumindest bei der Unterbetonung der Sühneopfertheologie im Buch hat sich meine Stirn ein gewisses Runzeln nicht enthalten können. Das kommt am Ausdrücklichsten in der Beschäftigung mit Bachs Musik zum tragen. Lauster:


„Diese populäre Hochschätzung der Passion ist bemerkenswert, da sie die christliche Erlösungshoffnung ganz an das stellvertretende Leiden Christi bindet. Das ist theologisch in dieser Konzentration keineswegs zwingend.“ (S.395).


Aber auch sonst liegt dem Buch eine gewisse Skepsis gegenüber einer angenommenen Überbetonung vom Sühneopfergedanken zugrunde.

Mir stößt das nicht alleine deswegen etwas sauer auf, weil in meinem Verständnis evangelikaler Spiritualität gerade dieser Gedanke von zentraler Bedeutung ist. Das alleine wäre auszuhalten und zweitweise sogar eine willkommene Herausforderung.

Aber in der Interaktion mit Rudolph Ottos Arbeit zur Bedeutung des Heiligen möchte ich zu Bedenken geben, dass das Erleben des Heiligen in der Welt nicht einzig ein schönes oder warmes Gefühl ist – und dahingehend klingt es mir in dem Buch allzuoft – sondern auch ein Gefühl der Unvollkommenheit und Zerstörung mitschwingt, die sich im christlichen Dogma vom stellvertretenden Sühneopfer einen Zufluchtsort sucht.

In der Gegenwart des Heiligen zu stehen bedeutet neben dem Staunen auch, dass man sich selbst seiner Unvollkommenheit bewusst wird. Wenn aber der Christus an unserer Stelle unsere Unvollkommenheit getragen hat, ist es gerade in dieser Stellvertretung, dass die Begegnung mit dem Heiligen nicht nur zerstörerisch, sondern auch motivierend und inspirierend wirken kann.

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Im Ganzen versucht Lauster ein sehr enzyklopädischen Überblick über die Kulturgeschichte des Christentums zu geben. Darin ist es ein großartig, beeindruckendes und über lange Stellen wirklich wunderschönes Buch geworden. Es ist dann der Länge des Buches geschuldet, dass viele Dinge nur oberflächlich angerissen werden können. Besonders in der Beschäftigung mit dem „kurzen 20. Jahrhundert“ (S599) wird das deutlich. Es mutet merkwürdig an, dass die christlichen Wurzeln der friedlichen Revolution aus Leipzig in die ganze DDR hinein keine Erwähnung finden, und dieser Stufe nur in einer Art vorsichtigem Ausblick Tribut gezollt wird. Lauster begründet das mit der mit dem Fehlen des „Abstands der historischen Wirkung“ (Ebd.) und rettet sich dabei meiner Meinung nach etwas fragwürdig.

Deutlicher wurde für mich die Engführung aber in dem grundlegenden Kapitel über das „Rätsel der Person Jesu“ (S.19), das man ausgehend von der Grundthese des Buches als äußerst zentral betrachten kann. Die Rekonstruktion der Person Jesu, die sowieso überaus pessimistisch angegangen wird (hier darf man glaube ich bewusst den Einfluss Bultmanns hören) wird bibliographisch fast ausschließlich aus dem Lehrbuch von Theißen/Merz gespeißt (vgl. die Fußnoten ab S. 623). Dabei handelt es sich natürlich um ein etabliertes Lehrbuch, bei der hervorragende akademische Arbeit geleistet wurde. Die Interaktion mit bedeutenden anderen Linien der historischen Jesusforschung bleibt allerdings aus. Dieser Umstand hinterlässt bei mir den schalen Nachgeschmack, ob dies bewusst gemacht wurde – weil die vorhandene Rekonstruktion dem für das Buch bedeutenden Jesusbild die Stange hält – oder eine genauere und detailiertere Interaktion Platz und Zeit zum Opfer fiel.

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Meine Fragen nehmen dem Buch aber nicht seine Qualität. Bei Lausters Buch handelt es sich um ein großartiges Werk mit einer gewaltigen Tiefe. Vor allem aber ist es nicht nur ein Lehrbuch, es ist ein Zauberbuch, voller Wirklichkeiten, die den Mund offenstehen lassen, staunend entweder über die Größe des Schöpfers oder des menschlichen Schöpfergeistes. Es straft alle jene Geister lügen, die zu behaupten wagen, Europa wäre in seiner kulturellen Tiefe auch ohne das Christentum aus dem Ei geschlüpft.

Kultur und Religion, so spricht uns Lauster vor, sind nicht nur eng miteinander verwoben, sie sind oftmals eins, bedingen sich gegenseitig, befruchten sich, und gebären wunderbare Kinder voller Magie.

Es ist nicht unsere Aufgabe, sie zu bewerten. Als mehr von ihr zu lernen, die alten Fehler zu vermeiden, die alten Weisheiten zu lernen, und darin den Geschmack für das Universum zu halten. Denn am Ende ist es das Herz des christlichen Welterlebens. „Das Christentum ist die Fülle seiner Erscheinungsformen – und es ist noch viel mehr als das.“ (S.617).


Soviel für Heute.


Marcus-B. Hübner

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