Schaut euch ins Gesicht.

Peter Singer wurde bei der phil.Cologne ausgeladen, weil er für Euthanasie und Infatizid eintritt.

Obwohl das gar nicht Thema seines Vortrags sein sollte.

Ein Zwischenruf zu intellektueller Redlichkeit und moralischer Reflektion.

Ein verwunderter Aufruf


Jetzt haben wir es also wieder getan. Peter Singer, Enfant Teribile der Moralphilosophie, wurde nach Deutschland eingeladen, und nach Protesten wieder ausgeladen. Ein namhafter Philosoph – in diesem Fall der ausgesprochene Singer-Fan Michael Schmidt-Salomon – hatte sich bereit erklärt, eine Laudatio zu halten; und hat auch dieses Angebot zurückgezogen.

Singer ist das schmutzige Kind der Moralphilosophie, zumindest in Deutschland. Wo er auftaucht, da bleibt kein (AntiFa-)Auge trocken – oder besser, keine Faust ungestreckt –, weil man sich im Recht weiß, einen Euthanasiebefürworter zu verdammen. Ein offensichtlich widerliches Individuum.

Und die Zeitungen halten dem Ganzen die Stange. Verächtlich macht die Süddeutsche Zeitung (die ich sonst sehr schätze) darauf aufmerksam, wie hochmütig dieser Kindertöter auf seine vielen Ehrendoktortitel verweistund weiß sich im recht: Er mag ein kluger Kopf sein, aber seine Positionen sind „extrem verwerflich“.

Faszinierend ist es deswegen, weil nichts bei diesem Mal mit den Positionen zu tun hatte, die ihn so „widerwärtig“ zu machen scheinen.

Lieben wir Peter Singer nicht dafür, dass er mehr Tierrechte fordert, weil die Tötung des Tieres – in seinem Moralsystem – gleichbedeutend ist mit dem Nehmen menschlichen Lebens? Leben ist Leben? Peter Singer sollte ausgezeichnet werden, weil er sich seit Jahren profiliert für einen vegetarischen Lebensstil einsetzt, und dabei mit philosophischer Brillanz zu zeigen versucht, dass dieser nicht nur gesünder, sondern auch moralisch Lupenreiner ist, als der sog. Carnismus.

Es ist wirklich verwunderlich für mich, wie Singer es immer wieder schafft, die Gemüter so sehr zu erregen. Es erstaunt mich, weil ich von ihm unheimlich viel gelernt habe, weil er mein Einstieg in die Moralphilosophie war, und weil ich ihn immer noch mit großem Genuss zu lesen vermag. Auch seine Debatten und Vorträge sind oft von einer erstaunlichen Großherzigkeit geprägt, die man in der akademischen Welt oft schmerzlich vermisst.

Was ist es also, das ihn so verwerflich macht?

Es scheint mir, dass seine Verwerflichkeit darin liegt, dass er unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Und den wollen wir nicht sehen.


Peter Singer als Spiegel unserer Gesellschaft.

Der Punkt ist ja, dass ich den meisten Kritikern Singer zustimmen würde: Seine Positionen zum Lebensrecht sind haaresträubend. Und genauso freue ich mich, dass es immer noch einen breiten Konsens gibt, der das so sieht. Es macht den Kampf um das menschliche Leben, scheint mir, nicht vollkommen aussichtslos.

Meine Verwunderung fängt aber da an, wo ich nach dem Grund frage, die seine Positionen zum Lebensschutz so haaresträubend machen? Denn was sagt er eigentlich?

Anstatt sich auf die schlagzeilemachenden Positionen zu körperlich- und geistig hilfsbedürftigen Säuglingen zu konzentrieren, oder die Euthanasiefrage, sollten wir die Frage nach der Grundlage seiner Moral fragen.

Und die liegt im Utlitarismus. Man beachte auch, dass er genau den seiner praktischen Ethik zu Grunde legt. Er schreibt:


„Ich neige zu einer ultilitaristischen Position und bis zu einem gewissen Grade kann man das Buch für einen Versuch halten nachzuweisen, wie ein konsequenter Utilitarismus eine reihe umstrittener Probleme behandeln würde.“ (Singer, Peter, Praktische Ethik. 2Te Ausgabe, Stuttgart: Reclam 1994, S.32)


Sehr kurz gefasst sagt Singer mit seiner Stellung zum Utilitarismus, dass er solches Handeln als richtig oder moralisch gerechtfertigt einstufen würde, das den meisten Individuen das meiste Glück bringt. Und man schreibe bewusst Individuen, oder sogar Entitäten, weil Singer in seinem Nachdenken die Frage stellt, ab wann ein Wesen Rechte haben kann.

Für ihn ist es offensichtlich, dass es nicht die Zugehörigkeit zur Spezies Homo Sapiens sein kann, denn dann wäre jede Form von Tötung eines solchen Lebens, vom Stadium der Empfängnis an, moralisches Unrecht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das Bewusstsein zu existieren das Recht mit sich bringt, weiterexistieren zu dürfen.

Ich weiß, dass ich bin, also darf ich leben.

Und das – hier kommen wir zum Punkt – wissen Tiere auch. Theoretisch ließe sich dieses „Wissen“ sogar bei einigen Pflanzen annehmen. Zumindest aber mit relativer Sicherheit können wir dieses Wissen bei Menschen und Tieren ab einem gewissen Entwicklungsstatus annehmen.

Weswegen es moralisches Unrecht ist, einem Kalb das Leben zu nehmen, um es zu verspeisen. Weswegen es noch größeres Unrecht ist, Millionen von Kälbern abzuschlachten, damit einige Tausend Menschen sie essen können und der Rest des Fleisches in der Müllverbrennung landet.

Wir lieben diesen Gedanken.

Aber Singer lebt nicht Vegan. Ein Ei hat für ihn kein Recht auf Fortexistenz. Und Säuglinge, die sich gar nicht bewusst sind, im nächsten Moment noch zu existieren, eben auch nicht.

Gleichzeitig muss man einwenden: Nicht jeder hat für Singer einfach das Recht, das Leben eines Säuglings zu nehmen. Das wäre Anarchie. Mehr macht sich das Recht des Säuglings von der Fürsorge der Eltern abhängig. Das Kind soll existieren, weil es den Eltern Glück bringt. Die Tötung würde mehr Leid als Glück verursachen, und ist deswegen nicht moralisch gerechtfertigt.

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Ich frage mich jetzt, wenn ich Singer lese: Wieso eigentlich sind wir so abgestoßen von dem, was er sagt.

Der Utilitarismus kann es eigentlich nicht sein. Er durchzieht das meiste unseres alltäglichen moralischen Handelns.

Von der Debatte um die Gleichstellung homosexueller Paare (mehr Glück für Homosexuelle, nicht weniger Glück für Heterosexuelle = moralisch gerechtfertigt) über unsere Entscheidung zum Kleider- und Lebensmittelkauf (Fairtrade ist mehr Glück für die Hersteller und nur gering weniger Glück für die Käufer = moralisch gerechtfertigt) bis hin zu unserer Sexualethik (konsequenzlose Kohabitation ist mehr Glück für die Teilnehmenden und ohne Auswirkung auf alle anderen = moralisch gerechtfertigt).

Unser ganzes moralisches Nachdenken lässt sich zusammenfassen mit dem Satz: „Kann etwas, das sich so gut anfühlt, falsch sein?“

Versteht mich nicht falsch: Ich sage gar nicht, dass es vollkommen verwerflich ist, Utilitarist zu sein. Störend ist nur, dass wir es bei bestimmten Positionen fordern („Marcus, wie kannst du noch bei KiK kaufen?“) und bei anderen als „widerwärtig“ beschimpfen („Peter, wie kannst du das Glück der Menge vor das Glück des Kindes stellen?“).

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Ich denke, dass unser Problem mit Peter Singer da beginnt, wo wir anfangen zu begreifen, dass er uns einen Spiegel vorhält, wohin unser moralisches Denken und Handeln uns führt, wenn wir nicht anfangen, umzudenken.

Wenn wir wirklich alle utilitaristisch denken – und Singer macht vielfach darauf aufmerksam, wenn er auf die Abtreibungszahlen bei Trisomie 23 hinweist, oder auf die Argumentationen im Bezug auf Einwanderungsrecht – dann haben wir vielleicht an vielen Stellen unseres gewissensbelasteten Moraldenkens nicht zu Ende gedacht. Und gleichzeitig gefällt uns nicht, wie das Ende auszusehen scheint.

In Walter Moers wunderbarem Roman Rumo und die Wunder im Dunkeln gibt es die faszinierende Idee eines Weines, der nach nichts schmeckt, dir aber das „tiefste Geheimnis über dich Selbst“ offenbart. Der Gargyllener Bollogschädel.

Als einer der Protagonisten des Romanes ihn trinkt, sieht er sich selber verfallen, bis er nur noch ein vermoderter Haufen Erde ist.

Gezeigt zu bekommen, wo man Enden wird, ist sicher nicht besonders einfach.

Aber bei Volzotan Smeik führt es dazu, dass er sein Leben umdenkt.


Peter Singer als Herausforderer zu einer gesünderen Ethik.

Ich kann Singer nicht genug darin zustimmen, dass die meisten politischen Probleme unserer Zeit mit einer verkümmerten Reflexion über die eigene Moral zu tun haben. Nur würde ich die Problematik anders lösen wollen, als er es tut.

Dem Utilitarismus zu eigen ist eine größere Problematik, als nur die scheinbare „Widerwärtigkeit“ mancher seiner Ergebnisse. Vielmehr hat er nur das „große Ganze“ im Blick, betrachtet nie die Auswirkungen der Moral auf den Einzelnen. Denn tatsächlich ist das Glück des Einzelnen (mehr) nicht wirklich von Belang. Singer:


„Indem ich akzeptiere, daß moralische Urteile von einem universalen Standpunkt aus getroffen werden müssen, akzeptiere ich, daß meine eigenen Interessen nicht einfach deshalb, weil sie meine Interessen sind, mehr zählen als die Interessen von irgend jemand anderm. Daher muß, wenn ich moralisch denke, mein ganz natürliches Bestreben, daß für meine Interessen gesorgt ist, ausgedehnt werden auf die Interessen anderer.“ (Ebd. S.29)


Und es ist genau hier das Singer mit dem großen moralischen Bild unserer Gesellschaft kollidiert: dem Primat des Ichs im moralischen Denken.

Wir sind bereit ihm soweit zu folgen, wie es meine Interessen weiterbringen kann. Aber Singers Gedanken zur Euthanasie und dem Lebensrecht ungewollter Säuglinge machen uns schmerzhaft bewusst, dass es keine Grundlage zu geben scheint, in der meine Interessen im größeren Bild irgendeine Rolle spielen.

Wir lieben es, moralisch absolute Urteile zu fällen, solange sie nicht gegen unsere eigenen Wünsche und Interessen spielen.

Und das, ihr Lieben, ist ein wirkliches Problem.

Weil wir mit unserem #Aufschrei die Freiheit anderer Menschen einschränken – in unserem Fallbeispiel die Rede- und Gedankenfreiheit Peter Singers und seiner Gefährten – ohne einen eigentlich guten Grund dafür zu haben, ist das ein Problem. Oder wenn der einzige Grund unser Unbehagen ist, uns mit unserer eigenen Zukunft auseinanderzusetzen.

Aber das müssen wir.

Und Peter Singer zeigt uns das auf unangenehme Weise. Weswegen er umso wichtiger ist.

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Ich schreibe diesen Artikel nicht, um für eine Rückbesinnung auf Kant in der Ethik zu plädieren, oder auf Aristoteles, oder sonst wen. Ich schreibe diesen Artikel, weil eine verkümmerte Reflektion unserer Moral schlussendlich dazu führen könnte, dass wir die wichtigen kulturellen Errungenschaften der Menschheit aufgeben: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit.

Ich möchte gerne auf dein Bauchgefühl gegenüber eine Moral nicht angewiesen sein, sondern gute Gründe hören, wieso ich so oder so zu handeln oder dies und jenes zu lassen haben. Wir können das diskutieren.

Aber wir können das nicht unserem Bauch überlassen.


Soviel für Heute,


Marcus-B. Hübner

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