gelesen&geschätzt (9/2015)

Ich schreibe nur sehr ungern, und deswegen selten, Verrisse.

Heute habe ich einen über Danny Wallace Roman Auf den ersten Blick geschrieben.

Darin sind mir vor allem die ton-losen Charaktere aufgefallen.

Ton-lose Charaktere in Alltagssituationen


Rezension zu: Wallace, Danny, Auf den ersten Blick, München: Heyne 2012


Romane sollen uns unterhalten. Das ist keine besonders tiefe Wahrheit. Wenn es aber gute Romane sein sollen, soll darin mehr liegen als die einfache Lustbefriedigung. Ein guter Roman sollte dem Leser dabei helfen, sein eigenes Leben, seine eigenen Kämpfe, Siege, Niederlagen und Pattsituationen, in einem bessere, klareren Licht zu sehen.

Unterhaltung.

Aufklärung.

Natürlich sind beide Ziele nicht unbedingt einfach zu erreichen. Es bedarf ein gewisses Fingerspitzengefühl, großer Gedanken über das Leben und alles darinnen, und eine Vorstellungskraft, die nicht nur im Kopf des Autors Sinn macht.

Schwieriger wird es noch, wenn man bedenkt, dass nicht jeder Mensch die gleichen Geschichten amüsant und unterhaltsam findet. Genauso wenig werden die gleichen Gedanken immer hilfreich für jedes Leben sein. Eine Rezension kann entsprechend nur diese beiden Ziele aus der Sicht des einen Lesers bewerten, der sich mit einem Roman befasst hat.

Als ich vor ein paar Wochen Auf den ersten Blick von Danny Wallace war ich vor allem von der rückseitigen Empfehlung angezogen, die das Buch mit Zwei an einem Tag von David Nicholls vergleicht, den ich liebe und verehre.

Nachdem ich mich aber durch die knapp 500 Seiten gequält hatte, war ich mehr als enttäuscht. Aus meiner Sicht fehlte dem Buch so ziemlich alles, was mich an einem Roman kribbelig macht. Es ist natürlich wichtig zu sagen, dass das kein absolutes Urteil sein kann. Es wird sicher viele Menschen geben, dem das Buch viel gegeben habe. Deswegen meine eher schwülstige Einleitung – es ist wie eine vorgeschobene Entschuldigung.


Komm über sie hinweg! - was die Geschichte zusammenhält

Die Geschichte des Romans dreht sich um Jason, der sich als Gelegenheitsjournalist für eine Wegwerfzeitung in London über Wasser hält und versucht, über seine missglückte Beziehung zu Sarah hinwegzukommen. Dabei hilft ihm die Begegnung mit einer geheimnissvollen Frau, der er ins Taxi hilft und dabei ihre Wegwerfkamera behält – ausversehen. Wie auch immer so etwas passieren soll.

Was folgt ist eine, von Jasons Freund und Mitbewohner Dev initierte, Spurensuche durch Großbritannien, bei der die wackeren Gefährten anhand der Fotos herauszufinden versuchen, wer diese Frau eigentlich war.

Auf der Suche treffen sie stereotype Studentinnen, die irgendwie schräg sind, schweigsame Ex-Schüler, die in einer Werkstatt arbeiten, und merkwürdig-attraktive Chefredakteurinnen, die keine wirkliche Persönlichkeit entwickeln.

Gleichzeitig versucht der Protagonist eigentlich dauerhaft, seine Beziehung zu verarbeiten und irgendwie ein neues Leben zu beginnen, was ihm sehr zweifelhaft zu gelingen scheint. Dabei bleibt undefiniert, was eigentlich dieses eigene – neue – Leben sein soll, wo er Identität zu finden meint, und was das ganze überhaupt zu bedeuten hat.

Mehr fließt die Geschichte vor sich hin, ohne wirkliche Höhen- oder Tempowechsel. Es scheint mehr als eine Episode aus der Trumanshow vor dem Ende in dem Film entnommen, ohne wirkliche Bedeutung für das Leben des Zuschauers, aber irgendwie trotzdem konsumierbar.


Komm in vernünftige Situationen! - Was der Geschichte fehlt.

Was der Geschichte in erster Linie gefehlt hat, waren glaubwürdige Charaktere. Gerade darin in dieser Roman so gar nicht vergleichbar mit David Nicholls bemerkenswertem Werk, das von lebendigen Charakteren voller Wirklichkeit und liebenswerten Schrullen voll sind. Dabei muss man nicht einmal jeden Charakter mögen, um ihm zu glauben und die Möglichkeit zu bekommen, die Welt aus seinen Augen zu sehen.

Wallace hat in seinem Roman tatsächlich aussichtsreiche Charaktere und auch Situationen angelegt, an denen sie wachsen könnten. Nach und nach verpasst er aber die Chance, seine Charaktere auszuführen oder zu vertiefen, sodass alle Figuren irgendwie auf ihre Schrulle beschränkt bleibt, die schon beim ersten Blick deutlich werden. Die schräge Studentin. Der ständig optimistische Mitbewohner. Die hart-aber-herzliche Chefredakteurin. Der unselbstständige Protagonist.

Am nächsten kommt einer Charakterentwicklung wohl der ehemalige Schüler von Jason – Matt – der mit seiner eigenen Zukunft ringt. Gerade darin liegt ja eine faszinierende Dynamik, die viel Potential für die Figur enthält. Merkwürdigerweise wird er aber an einem bestimmten Punkt, ohne wirklich erkennbaren Grund, aus der Geschichte herausgeschrieben und bekommt dafür später einen sehr fadenscheinigen Grund. Hierbei ist Entwicklung zu sehen, sie spielt sich aber merkwürdig außerhalb der Geschichte ab und lässt sich nicht wirklich nachvollziehen.


Komm erstmal klar! - Was mich wirklich genervt hat

Diese Problematik ließe sich ja noch auf ein Erstlingswerk zurückführen. Nicht jeder Autor ist ein Naturtalent, und gerade die natürliche Charakterentwicklung ist sicher eine der schwersten Teile einer Romankomposition.

Wirklich unangenehm fand ich an dem Buch dann, dass nicht wirklich etwas passiert. Zumindest nichts, das wirklich von Bedeutung wäre. In diesem Sinne ist das Buch wirklich zu brav, zu wenig irgendwie aufdringlich. In diesem Sinne habe ich es als Leser gerade als Problem empfunden, dass das Buch einfach vor sich hinfließt, von einer alltäglichen Situation in die Andere.

Das bedeutet freilich nicht, dass es an keiner Stelle unterhaltsam war. Wäre das der Fall, hätte ich es sicher wesentlich schneller zur Seite gelegt und nicht bis zum Ende gelesen. Vielmehr könnte man vielleicht sagen, dass die Unterhaltungseben sehr wenig visionär war, keinem wirkliche Zweck diente, als mehr skurille Situationen darstellte. Viele davon konnten so oder so ähnlich aus dem Alltag stammen und waren irgendwie auch von nur sehr geringer Dauer.

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Ich fühle mich immer schlecht, wenn ich einen Verriss schreibe. Deswegen mache ich es auch so selten. Es ist mir auf der einen Seite zu einfach, einen solchen zu schreiben. Dinge zu kritisieren findet man immer, und sie irgendwie unterhaltsam aufzuschreiben ist auch nicht besonders schwer. Zumindest rede ich mir das ein.

Außerdem finde ich es wirklich wenig anziehend, Menschen zu häufig zu sagen, von welchen Büchern sie die Finger lassen sollten.

Das größte Problem ist dabei allerdings, dass ich nicht an den vielen Leuten zweifele, deren Blick auf diesen Roman völlig anders ist. Ich bemerke das immer wieder, wenn ich Menschen David Nicholls Romane empfehle, die ich in dieser Rezension schon mehrmals erwähnt habe. Die wenigsten haben die gleiche Begeisterung dafür entwickeln können wie ich.

Deswegen sage ich auch nicht: Lass die Finger von diesem Buch.

Lies es ruhig, sieh ob es dir etwas sagt.

Aber ich bedauere die Zeit, und das Geld, das ich in diesen Roman investiert habe. Weil ich mit erschreckend wenig wieder herausgekommen bin.


Soviel für Heute.


Marcus-B. Hübner

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