Besser als "Ich und du"

Eine Reflexion darüber, dass wir zu sehr eine Geschichte erzählen,

die einen Großteil von Menschen außen vorlässt.

Und wie das Evangelium da hineinspielt.


Die existenzielle Weise, wie evangelikale Spiritualität mir Antwort gibt


Zwei Ereignisse haben mich in letzter Zeit ins Nachdenken gebracht.

Da war zum Einen vor einiger Zeit eine wunderschöne Hochzeit, bei der zwei wirklich beeindruckende Menschen sich öffentlich zugesprochen haben, gemeinsam den Lebensweg gehen zu wollen. Sowohl die Zeremonie als auch die stilvolle Feier im Anschluss war ein Genuss für Seele und Sicht, und eigentlich kann man niemandem dort einen Vorwurf machen.

Aber die große Geschichte, die dort erzählt wurde, empfand ich irgendwie als verstörend. Wenn man nämlich als 25-jähriger Junggeselle an einer solchen Feier teilnimmt, dass wird einem zumindest unterbewusst vermittelt, ein Fremdkörper zu sein. Die Musik zum Tanzen ist meist für Paare bestimmt; man zelebriert, endlich „das passende Gegenstück“ gefunden zu haben (und will trotzdem lieber nicht, dass die Menschen als Platos Kugelmenschen denken...).

Und wenn man diesen Menschen noch nicht gefunden hat?

Wenn man sich auch eigentlich gar nicht bereit fühlt, einen solchen Menschen in sein Leben zu lassen?

Dann gibt es genügend Gelegenheiten die Trauzeugin vorgestellt zu bekommen, oder den süßen Kerl, der die Technik macht.

Und alles an der Feier sagt dir: Wieso hast du es nicht auch schon geschafft, ganz Mensch zu werden.

Dabei reicht ein Verweis auf die Schöpfungsgeschichte, um dir klar zu machen, dass du alleine ja gar nicht genug bist. Und gemeint ist: Nur wenn du den heterosexuellen Gegenpart gefunden hast, bist du ganz. Mensch. Irgendwie.

Es mag sein, dass ich in letzter Zeit besonders sensibel bin, was dieses Gefühl angeht. Aber in Gesprächen mit anderen, teilweise auch jüngeren Christen in meiner Umgebung scheint es mir, dass ich nicht der Einzige bin, der mit diesem Gefühl ringen muss.

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Das andere Ereignis war die Begegnung mit einem jungen Mann, der im die klassische evangelikale Karriere hinter sich gebracht hat. Mit Royal Rangers, Jungschar und der Hochzeit mit 23, als die süße Blondine „Ja“ gesagt hat, die die meisten Jungs in der Jugend immer angehimmelt hatten.

Aber seine Ehe ging in die Brüche, weil er zu viel gearbeitet hat, aber sie als Frau nicht arbeiten gehen sollte, und dadurch beide einsam wurden.

Deswegen stand er da, vor dem Scherbenhaufen, der eigentlich mal ein Schloss war, von dem alle träumten, darin zu wohnen.

„Wer nimmt mich denn jetzt noch ernst?“, hat er mich gefragt, als die ganze Situation aus ihm ausgebrochen ist.

Und ich hatte keine Antwort, als „Jesus“, und ich weiß, wie platt das manchmal klingt.

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Als ich über diese Erlebnisse nachdachte in den letzten Tagen kam mir ein Vortrag von der unheimlichcharmanten und scharfsinnigen Julie Rodgers in den Sinn, den sie auf der letzten Q-Conference in Boston gehalten hat. Darin sagt sie:


„Es gibt da diese Geschichte, die überall erzählt wird, die sich um Liebe und Zugehörigkeit dreht, und wie man das nur im Kontext einer Ehe findet, im Kontext einer intimen Beziehung in einer Ehe.“


Und ich denke, dass sie recht hat. Und das erschreckende finde ich, dass ich diese Geschichte vor allem im Kreis meiner Spiritualität finde.

Wenn es um die Lebensführung geht, erzählen wir eine Geschichte, die mehr an viktorianischen Geschlechtsideale erinnert, als dass sie mich an das Evangelium heranführt. Wir erzählen davon, einander zu finden, mehr als dass wir darauf hinweisen, dass auch in der Zweierschaft nicht das Einander die eigentliche Magie ausmacht, sondern das Gemeinsam mit Ihm.

Und wie glücklichbin ich, dass Pastoren wie Tim Keller und die ganze Bewegung um Julie Rodgers und Wesley Hill mich daran erinnern, dass das Leben mit Jesus mehr ausmacht, als endlich den richtigen Partner zu finden, und mein Leben in den Kategorien von Ted aus How I Met Your Mother zu denken. Ich will meine Geschichte nicht im Kontext von dem einen Menschen denken, den ich endlich finden muss, sondern vor allem im Kontext von dem einen Gottmenschen, der gekommen ist um mich zu finden.

Da ist etwas, das mich substanziell halten kann.

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Durch unsere Kommunikation miteinander vermitteln wir Geschichten, und alle unsere Geschichten drehen sich jenseits von Eden um die Frage, wo wir hingehören. Die warme Umarmung einer Frau, die flüstert: Ich liebe dich. Oder die starken Arme eines Mannes, der dir eine Schulter gibt, mögen dir einen Halt geben. Aber was ist mit den Menschen, die weder die Wärme noch die Stärke gefunden haben?

Oder was ist, wenn die Wärme mal schwindet, und die Stärke sich als Schauspiel erweisen?

Wo ist zuhause dann?

Julie Rodgers sagt etwas später etwas wichtiges in ihrem Vortrag:


„Einer der Wege, wir ihr dieses ganze Gespräch über Sexualität in eine neue Richtung lenken könnt, wäre dies: Wenn ihr eine andere Geschichte davon erzählt, was es bedeutet, geliebt zu sein, und dazuzugehören.“


Das mag die Geschichte von Jesus sein. Der den Kerl am Kreuz neben ihn nicht gefragt hat, ob er eher auf Blondinen oder auf Rothaarige steht, weil da wären ja noch Maria und die andere Maria, die noch niemanden gefunden haben.

Das mag die Geschichte von Paulus sein, der vor Damaskus verstanden hat, dass es im Volk Gottes weder Mann noch Frau geben soll (Gal 3,28), sondern einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe (Eph 4,5).

Das mag die Geschichte von John Wesley sein, der gegen die Ratschläge seiner Freunde seine Freundin geheiratet hat, und für beide ist der Traum sehr schnell zerbrochen. Weil er nie zuhause war, und sie bitter wurde, und er bitterer. Und sie begannen sich zu hassen.

Vielleicht findet man dann in der Gemeinde solche Menschen, die dich nicht nach deinem Beziehungsstatus fragen, sondern freundlich darum bitten, bis auf deine Seele zu sehen. Und dort das Imago Dei zu finden.


Soviel für Heute,

Marcus-B. Hübner


P.S. Das erste Zitat von Julie ist im Original: „There was this kind of story that's been told, that was about love and about belonging, that was primarily found in the context of a marriage and the context of a sexual relationship in a marriage.“ (Min. 12:37)


P.P.S. Das zweite Zitate von Julie ist im Original: „One of the ways in which you can start to change this conversation about sexuality is by telling another story about what it means to be known and to be loved and to belong.“ (Min 13:09)

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Kommentare: 2
  • #1

    nachfolgizo (Dienstag, 26 Mai 2015 15:47)

    Sehr wichtige Gedanken.
    Ich war vor einiger Zeit auf einer Hochzeit, da hörte ich folgende Antwort auf die Frage:
    Warum heiratet man?
    -> Weil wir dann Gottes Ebenbild darstellen!
    Ich fiel fast vom Hocker. Unfassbar. Als ob ein Paulus nie 1. Kor 7 geschrieben hätte.

    Peter Hubbard macht in seinem Buch "Love into Light" einen ähnlichen Punkt:
    So wie wir oftmals über das Leben reden, vermitteln wir den Zuhörern unserer Predigt, unseren Kindern und Freunden, dass das Leben erst richtig läuft, wenn man endlich einen Partner gefunden hat. Dabei ist unsere Botschaft doch eine ganz andere, die die Ehe miteinschließt und ihr ein Fundament gibt, statt auf sie als Fundament aufzubauen.
    Vielen Dank für diese wichtige Nachricht.

    - nachfolgizo

  • #2

    Marcus-B. Hübner (Mittwoch, 27 Mai 2015 11:31)

    Ich bin da auch noch nicht am Ende, irgendwie.
    Sogar Keller schreibt ja in seinem Ehebuch, dass die Ehe die intensivste Partnerschaft zweier Menschen ist, die wir kennen. Und wahrscheinlich hat er von einer rein quantitativen Betrachtung sogar Recht.
    Es ist nur irgendwie demütigend, weil unser Unterbewusstsein aus dem Superlativ meistens einen Positiv macht - als wäre eine intime Verbindung nicht ohne Ehe möglich. Und lässt alle ohne Ehe irgendwie im Dunkeln stehen.
    Habe gerade Wesley Hills neues Buch "Spiritual Friendship" angefangen, dass sich etwas weniger auf spezielle Fragen der sexuellen Identitätssuche fokussiert wie sein erstes Buch. Bin schon sehr gespannt, habe große Erwartungen an das Buch,