gelesen & geschätzt (8/2015)

Jeff Cook wirft seine zwei Cent in den Ring,

und schreibt ein Buch über Himmel, Hölle, und einen Gott, bei dem alles anfängt.

Ein weiterer Teil meiner Rezensionen-Reihe

Himmel und Hölle starten bei Jesus


Rezension zu: Cook, Jeff V., Everything New. Re-Imagening Heaven and Hell, Greeley: Subversive Books 2012


Wenn man über die Hölle als christlicher Lehre redet, dann beginnen die Gespräche meistens mit dem eigenen Unbehagen. Und das ist auch ganz verständlich. In der Wahrnehmung des Durchschnitt-europäers ist einiges passiert, seit Dante seine Commedia geschrieben und Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle ein Jüngestes Gericht „voller Dynamik und Leben“ (aus Jörg Lausters Die Verzauberung der Welt) gemalt hat. Und das ist vor allem das Verständnis des Menschen.

Das Problem mit der Hölle – und damit hängt unsere merkwürdige Faszination mit dem Himmel nur indirekt zusammen – hat vor allem damit zu tun, dass der Humanismus uns eine grundsätzlich neue Einstellung des Menschen zu sich selber beigebracht hat. Neben dem, dass der Mensch sich als rationales und grundsätzlich moralisch gutes Wesen betrachtet, fing er auch mehr und mehr an sich selbst als Zentrum des Universums zu begreifen. Eine Art kopernikanische Wende. Nur irgendwie anders.

Das ist vielleicht auch der Grund, wieso die beiden bekanntesten Bücher der letzten Jahre, die sich mit dem Thema Himmel und Hölle befassen mit den Menschen und ihren Gefühlen anfangen.


„Do you understand the weight of what we are about to consider? We are exploring the possibility that you and I may end up being tormented in hell.“ (Chan, Francis & Preston Sprinkle, Erasing Hell, Colorado Springs: David C. Cook 2011)


„To begin with, a bit about this book. First, I believe that Jesus' story is first and foremost about the love of God for every single one of us.“ (Bell, Rob, Love Wins, San Francisco: HarperOne 2011)


Jeff Cook, Assistenzprofessor für Theologie an der Universität von Northern Colorado und Pastor einer Gemeinde in Greenley, hat sich ans Werk gemacht, seine eigenen zwei Cent in den Ring zu werfen und mit dem Thema der Ewigkeit zu beschäftigen.

Doch anders als Sprinkle und Chan oder Bell fängt er nicht bei uns an – er fängt bei Gott an. Und gerade darin liegt die Stärke des Buches. Es ist sich der Weite des Themas bewusst, und der Größe des Gottes, der dahinter stehen muss. Deswegen verliert es auf die Länge ein wenig sein Ziel aus den Augen.


Das beste Buch, das ich seit langem gelesen habe...

Wenn Jeff sich mit dem Thema Himmel und Hölle auseinandersetzt, weiß er, dass dieses Thema voraussetzt, dass man von der Existenz eines Gottes überzeugt ist. Zumindest mehr oder weniger. Was sollte unserem Leben einen ewigen Wert geben, wenn es gar nichts ewiges gibt?

In diesem Sinne geht Jeff auch mit dem Intellekt eines Philosophen an die Frage heran und legt dar, wieso er es nicht für unglaubwürdig hält, von einem Gott hinter den Mechanismen der Welt auszugehen.


„I teach at a state university exploring the works of writers like Russell, Hume and Nietzsche. Such thinkers continue to give me all kinds reasons to bail God-belief […] but I don't find such arguments satisfing. Strong? Sure. Emotionally compelling? Absolutely.“ (Pos.38).


Es ist faszinierend, Jeffs eigene Geschichte mit Gott zu lesen, und wie er darlegt, dass es am Ende die Frage nach dem Leid der Welt ist, die ihn wieder zum Glauben an einen Gott leitet. Nicht, weil es immer alles überzeugt. Aber weil es einfach keine wirkliche Alternative gibt, wenn man nicht verzweifeln will.

An diesem Punkt schickte sich Jeffs Buch an, zu dem besten Buch zu werden, das ich seit langem gelesen habe. Es hatte diese Mischung aus persönlichen Einblicken und intellektuellen Gedanken, die mich wirklich bewegen konnte. Noch dazu ist Jeff ein wirklich guter Autor, der seine Gedanken mit guten Illustrationen zu untermauern versteht.


...wenn er auch nichts Neues sagt

Dass ich am Ende dennoch etwas enttäuscht von dem Buch war, liegt vor allem daran, dass er sich nach einer philosophischen Grundlegung sehr stark in den Bereich der Theologie begibt, und dabei vor allem die NT Wissenschaft. Nicht, dass das alles ein Buch mit sieben Siegeln ist, aber man merkt Jeff irgendwo dennoch an, dass es nicht unbedingt sein Fachgebiet ist.

Vor allem wird das deutlich, dass er sich in der Rekonstruktion einer neutestamentlichen Lehre von den letzten Dingen sehr auf den schottischen Professor N.T. Wright verlässt. Das bedeutet nicht, dass es sich dabei um unbegründete Thesen handelt. Aber es wird doch etwas einseitig.

Ebenso hat man als Leser das Gefühl, dass Jeff auf die Länge sein Ziel etwas aus den Augen verliert. Was als eine lupenreine Apologie für die Existenz eines guten Gottes beginnt, geht weiter mit einer Einführung in die Welt des Neuen Testaments, und die Kultur, in der Jesus aufgewachsen ist. Über das eigentliche Thema werden immer wieder Gedanken eingestreut, aber es fehlt eigentlich eine wirklich zusammenhängende Argumentation, was genau wir uns unter den Begriffen Himmel und Hölle vorzustellen haben, wenn es um Jeff Cook geht.

Wobei ich auch etwas enttäuscht davon war, dass seine Lösung für die Problematik der Hölle vor allem darin liegt, die sog. Annihilation wieder aufzuwärmen. Darunter versteht man die Perspektive, das manche Menschen – meist solche, die im Leben keine gereinigte Beziehung mit Jesus hat – einfach aufhören zu existieren. Enttäuscht hat es mich, weil es mich nichten eine „re-imagination“ von Himmel und Hölle darstellt. Große Namen wie John Stott und sogar Kirchenväter wie Augustinus haben diese Vorstellung gehabt, und man kann sie durch die Kirchengeschichte immer wieder finden. Die biblischen Argumente für eine solche Vorstellung sind auch alles andere als schlecht.

Nur neu ist das eben nicht.

Und deswegen habe ich mich von dem Untertitel etwas betrogen gefühlt.

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Für mich bleibt am Ende von Jeffs Buch die Vorstellung, dass ich Gott kennen muss, um etwas über die Ewigkeit aussagen will. Und das scheint mir ein sehr tiefer Gedanke zu sein. Die Ewigkeit ist ein Konstrukt, mit dem wir wenig anfangen können, wenn wir auf uns allein gestellt sind. Alle möglichen moralischen und existenziellen Fragen greifen darin nach uns wie die Dämonen in Michelangelos berühmtem Altargemälde.

Mit Gott ist das Anders. Gott zu kennen ist ein Vorrecht, das er uns schenkt, sogar schenken will. Wenn wir von dem christlichen Verständnis ausgehen, dass Gott ein Gott ist, der gekannt werden möchte, der deswegen spricht, sich zeigt, dann erscheint Ewigkeit weniger schwierig, weil sie persönlich wird.

Weniger Konstruktion, und mehr Erlebnis.

Weniger angsteinflößend, und mehr aufregend.

Wenn wir Gott erkennen, und ihn als guten Gott wahrnehmen, dann beginnt unser Nachdenken über die Ewigkeit genau dort – wo Gott gut ist, und gerecht ist, und er schon wissen wird, wie es ausgeht.

Nicht, dass ich es herausgefunden habe.

Jeff auch nicht. Aber das behauptet er auch gar nicht.


Soviel für Heute,


Marcus-B.

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