Replik: Christoph Heilig zu meiner Rezension von Hidden Criticism.

Christoph Heilig hatte mich gebeten, an dieser Stelle eine Replik zu veröffentlichen,

die er zu meiner Rezension von Hidden Criticism geschrieben hat.

Am Mittwoch werde ich eine Antwort auf dieses Replik schreiben. Danach soll die Debatte dann auch geschlossen werden. - Für alle also, die an einer vertiefenden Diskussion um das Buch interessiert sind.

1. Vorbemerkung

Marcus Hübner war so freundlich, mir die Möglichkeit einzuräumen, auf seine Kritik an meinem Buch „Hidden Criticism?“ zu reagieren. Ich freue mich über die Gelegenheit dieses Gesprächs, welches gerade im Hinblick auf offen ausgesprochene Kritik – zweifellos ebenso wie die Rezension selbst – natürlich unter dem Vorzeichen zu lesen ist, dass hier eine freundschaftliche Diskussion vorliegt.

 

2. Zur Zielsetzung des Buches

Marcus Hübners Rezension zeichnet sich dadurch aus, dass der Verfasser sich seiner eigenen theologischen Situierung sehr bewusst ist und diese explizit macht. Dadurch ist er in der Lage, die historische Debatte um das Verhältnis des Paulus zur römischen Obrigkeit für aktuelle Fragestellungen innerhalb der christlichen Gemeinde fruchtbar zu machen. Es ist ihm dabei zu Gute zu halten, dass er von „Hidden Criticism“ – zumindest nicht explizit – nicht mehr erwartet, als es seinem Wesen als historische und methodische Untersuchung naturgemäß bieten kann. In anderem Zusammenhang ist der Autor bezüglich der Ausrichtung des Buches und im Hinblick auf dessen Zielsetzung weitaus kritischer:

 

„[Das Buch] hinkt […] sehr stark daran, dass [es] nicht wirklich zu wissen scheint, was es ist. Eine neue Methodologie will es bewusst nicht aufstellen (vgl. dazu die Selbstaussagen auf S. 159 u.a.). Eher will es als eine Interaktion mit einer namhaften Linie von Paulusinterpreten sein. Doch dafür scheint es mir wesentlich zu spezifisch zu sein und zu sehr fokussiert auf die Anwendung einer mathematischen Formel, dessen Wert tatsächlich umstritten ist.”

 

Richtig erkennt der Rezensent, dass zwar die (bestehende) Methodik, die bei der Suche nach anti-imperialen Subtexten bei Paulus zur Anwendung kommt, Gegenstand der Untersuchung ist (vgl. den Untertitel: „The Methodology and Plausibility of the Search for a Counter-Imperial Subtext in Paul“), aber nicht einfach noch eine „neue Methode“ vorgestellt werden soll. Dies wird im Buch an mehreren Stellen hervorgehoben, um das Missverständnis zu vermeiden, der Verweis auf wissenschaftstheoretische Überlegungen impliziere, dass eine bestehende Methode (Hays‘ 7 Kriterien zur Identifizierung von intertextuellen „Echos“) ersetzt würde durch ein noch abstrakteres, angeblich objektives, Konzept. Die Feststellung das Buch wolle eher „eine Interaktion mit einer namhaften Linie von Paulusinterpreten sein“, ist daher gar nicht so verkehrt: Ein bestehendes Paradigma wird als solches deskriptiv festgehalten (v.a. in der Form von Horsley, Elliott and Wright) und seine feststehende Gestalt auf Plausibilität hin untersucht. Ganz simpel gesagt, wird die Frage aufgeworfen: „Ist das Argument, das Horsley und vor allem Elliott und Wright präsentieren, schlüssig?“ Einer Bewertung eines Paradigmas an für sich könnte wohl kaum der Vorwurf fehlender klarer Ausrichtung gemacht werden. Das Problem ist für den Rezensenten offensichtlich, dass die Beantwortung dieser Frage „wesentlich zu spezifisch“ erfolge und „zu sehr fokussiert auf die Anwendung einer mathematischen Formel“ sei. Auf diesen Einwand möchte ich kurz eingehen – denn diese Aussage scheint sich im Hinblick auf „Hidden Criticism?“ kaum aufrecht zu erhalten und spiegelt wohl vielmehr den einseitigen Fokus der Rezension wider.

 

3. Die Grobstruktur der Analyse und die Funktion von Bayes‘ Theorem

Welche Funktion spielt Bayes‘ Theorem also für das Buch? Wenn ein bestehendes Argument auf seine Schlüssigkeit überprüft werden soll, also eine bestehende Methode auf ihre Tauglichkeit, dann müssen irgendwelche Kriterien für „Schlüssigkeit“ benannt werden. Zu diesem Zweck habe ich darauf verwiesen, dass für eine gelungene Schlussfolgerung sichergestellt werden muss, dass die Gesamtheit der relevanten Daten berücksichtigt ist und zwar mit der angemessenen Gewichtung. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive müssen dabei zwei Überlegungen zur Geltung kommen:

 

(1) Wie gut erklärt eine Hypothese den spezifisch zur Diskussion stehenden Befund?

 

(2) Wie plausibel sind die Rahmenbedingungen dieser Hypothese?

 

Darüber hinaus muss sichergestellt werden, dass diese Fragen vergleichend, das heißt unter Berücksichtigung konkurrierender Hypothesen, beantwortet werden. Weshalb die Kombination gerade dieser beiden Aspekte zentral ist, sollte intuitiv einsichtig sein: Konzentriert man sich nur auf den ersten Parameter, kann man Erklärungen spinnen, die zwar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tatsächlich zu dem beobachteten Befund geführt hätten, aber für deren Annahme ansonsten nichts spricht. Ich verweise an dieser Stelle gerne auf die zerstochenen Reifen meines Nachbars, die sich auch hervorragend durch den Besuch von Außerirdischen erklären lassen würden. Nur, dass es für deren Existenz oder gar deren Besuch wenig Hinweise gibt, während mein eigenes Alibi eventuell sehr schlecht ist und weiteres Hintergrundwissen (vorangegangener Streit, mein cholerischer Charakter, die Sammelliebe für Schweizer Taschenmesser etc.) mich noch verdächtiger machen. Betrachtet man nur den zweiten Aspekt, so besteht andererseits die Gefahr, dass man Hypothesen aufstellt, die zwar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tatsächlich abgelaufene Prozesse rekonstruieren, aber in keinem kausalen Verhältnis zum beobachteten Phänomen stehen. Nur weil sich mit großer Sicherheit belegen lässt – aufgrund bekannte Verhaltensmuster, schriftlicher Notizen, mündlicher Mitteilungen und Zeugenaussagen – dass die alte Dame von nebenan ebenfalls an Nachbars Auto vorbeiging, bedeutet dies nicht, dass diese Hypothese den Befund in irgendeiner Weise erklärt. Diese intuitiv einsichtigen Überlegungen lassen sich auch mit Überlegungen aus der Wahrscheinlichkeitstheorie untermauern, eben mit Bayes’ Theorem, welches sich zu den Größen von „Evidenz“ und „Hypothesen“ in Verbindung setzen lässt. Es handelt sich dabei nicht um irgendeine abgedrehte mathematische Spekulation, sondern „just the logic of rational inference“ (Dawid; zitiert auf S. 28, Fußnote 27). Bayes‘ Theorem liefert also gewissermaßen eine „Sub-Struktur“ für meine Untersuchung der zur Anwendung kommenden Methodik. Eine sehr grobe Substruktur wohlgemerkt, nämlich eine Unterteilung von relevanten Aspekten in zwei gleichwertige Klassen (sowie die Betonung der komparativen Komponente), wobei die Kapitel 3-5 die zweite Klasse repräsentieren und das Kapitel 6 die erste. Man kann diese Zweiteilung wie oben gezeigt natürlich auch so gut begründen, jedoch hilft der Verweis auf das Theorem, die Überlegungen zu formalisieren und sich selbst bewusst zu machen: Was ist eigentlich die neue Evidenz? Was sind die Hypothesen? Und was muss ich bedenken, um deren Hintergrundwahrscheinlichkeit richtig abzuschätzen? Anhand einiger Beispiele (pp. 28-34; die Struktur des Arguments von Joel White und eine exegetische Bemerkung von Jimmy Dunn) versuche ich zu zeigen, wie die formale Darstellungsweise – zumindest mir – hilft, hier die Dinge richtig zuzuordnen. Wer die Zweiteilung auch ohne Verweis auf die Wahrscheinlichkeitstheorie nachvollziehen kann, der muss sich mit diesem Unterbau natürlich nicht beschäftigen. Wer dieser groben Struktur nicht zustimmen will, der muss zwar an Bayes‘ Theorem vorbei, sollte aber auch in der Lage sein, in eigenen Worten auszudrücken, was an dieser Unterteilung nicht nachvollziehbar ist. Und hat man in dieser Hinsicht nichts zu beanstanden, dann stellt sich die Frage, worauf verbleibende Kritik inhaltlich überhaupt abzielt: Denn – wie in „Hidden Criticism?“ geschehen – etwas intuitiv Einsichtiges noch weiter zu untermauern macht diese Einsicht ja nicht wirkungslos, nur weil der Unterbau nicht vollständig einleuchtend erscheint … Übrigens: Interessanterweise habe ich in einem Aufsatz aus dem Jahr 2011 eine identische These (zur Struktur von Argumenten) vertreten, ohne wahrscheinlichkeitstheoretischen Unterbau, in einem Sammelband, den Marcus Hübner auch schon besprochen hat (http://restless-evangelical.blogspot.de/2014/11/gelesen-geschatzt-18.html). Es muss daher angemerkt werden, dass der Autor nicht umhin kann, angesichts dieser Interaktion durch den Rezensenten innerlich in die Bemerkung von Mark Day, The Philosophy of History (London: Continuum, 2008), 8 einzustimmen, der auf eine ähnliche Einstellung in den Geschichtswissenschaften hin resigniert – man kann die nach oben gezogenen Augenbrauen und die gequält nach oben gezogenen Mundwinkel förmlich sehen – schreibt:

 

„Very amusing. I wonder whether there is any other professional subject in which criticism of another’s work would be permissible simply on the basis that it used a theoretical approach that is hard to understand.“

 

4. Die Feinstruktur der Analyse und das Manko der Rezension

Leider übersieht der Rezensent, offenbar durch mathematische Ausdrücke skeptisch gestimmt, dass ich nach dieser Zweiteilung – die in meinen Augen weiterhin unkontrovers bleibt und keiner weiteren Begründung bedarf (gegen die Forderung des Rezensenten) – sehr viel spezifischer und angreifbarer werde. Denn ich lege dann in einer Doppelthese dar, weshalb ich (a) die 7 Kriterien von Hays für nicht angemessen finde, um die generelle Wahrscheinlichkeit einer Hypothese zu bewerten (pp. 40-43) und stelle dann (b) meinen eigenen Vorschlag vor (pp. 43-46), um das Paradigma von Wright/Elliott zu überprüfen: Jede Hypothese geht mit Vorannahmen einher. Kann man zeigen, dass diese nicht plausibel sind, so hilft es auch nicht, wenn die Hypothese den Befund gut erklären würde. Konkreter schlage ich vor eine Hierarchie an notwendigen Bedingungen durchzugehen, also aufeinander aufbauende Voraussetzungen der Hypothesen zu überprüfen. Mit anderen Worten: Wenn Paulus tatsächlich aus Sicherheitsgründen das römische Imperium versteckt kritisiert haben sollte, dann setzt das doch voraus, dass a) seine Briefe öffentlich zugänglich waren, b) die Regeln des öffentlichen Diskurses Kritik nicht geduldet haben, c) eine solche kritische Einstellung bei Paulus überhaupt vorhanden war (was wiederum voraussetzt, dass er überhaupt Kontakt mit römischen Aspekten seiner Umwelt hatte und diese entsprechend bewertete), und, d), damit zu rechnen ist, dass er diese Einstellung auch ausgedrückt hätte und zwar auf eine Gefahren vermeidende Weise. An dieser Stelle wäre ein methodisches Nachhaken möglich gewesen. Um die Wortwahl des Rezensenten aufzugreifen: Die „spezifische“ Interaktion mit dem Paradigma der klassischen Subtext-Hypothese erfolgt doch genau entlang dieser Linie. Schließlich kann kein Theorem der Welt vorgeben – und das betone ich mehrfach – welche Fragen abgeklärt werden müssen, um die generelle Plausibilität der Hypothese von Elliott/Wright zu evaluieren. Hier muss abgewogen werden, was relevant ist und was nicht. Und ich fordere explizit dazu auf (pp.44-45) mein Argument entweder dadurch zu kritisieren, dass (a) mein Ergebnis für einen Teilschritt der Untersuchung widerlegt wird oder (b) die Liste der vorgeschlagenen Schritte selbst kritisiert wird. Hier hätte der Rezensent demnach bewerten können, ob die vorgeschlagenen Schritte tatsächlich die relevante Evidenz abdecken oder nicht und falls doch, ob ich die Evidenz richtig bewerte. Die Kapitel 3, 4 und 5 folgen ja dann genau diesem Plan – doch dieser scheint der Autor durch seine Fixierung auf die (Begründung der) Zweiteilung übersehen zu haben. Entsprechend thematisiert er mit keinem Wort, wie das Buch schrittweise vorgeht, um die Plausibilität des Arguments von Wright/Elliott zu überprüfen und ob die einzelnen Schritte in gleichem Maße überzeugen. Die Feinstruktur der Analyse nicht zu bewerten, weil man sich nicht sicher ist, ob die Untermauerung der Grobstruktur vollständig erfolgt ist – wohlgemerkt: die intuitiv einsichtige Zweiteilung selbst wird ja gar nicht bezweifelt, sondern lediglich der Bonus einer wahrscheinlichkeitstheoretischen Herleitung – kann wohl kaum als befriedigende Substruktur für die Bewertung eines Argumentes, und damit für die Anfertigung einer Rezension, gelten…

Sofern die Ausführlichkeit meiner Antwort eine Bitte an den Rezensenten rechtfertigt, so wäre es der Wunsch, diesen Aspekt – und damit das eigentliche Argument – in der Zukunft noch einer Bewertung zukommen zu lassen.

 

5. Kein konstruktives Forschungsprogramm?

Ebenso wenig wie die feinere Substruktur meiner Analyse, scheint der Rezensent die Anregungen für zukünftige Forschung wahrgenommen zu haben, die in Kapitel 6 gegeben werden. Immerhin betont er, dass das Buch „nicht wirklich einen Weg vorwärts weist“ sondern „eher … weg von momentan gängigen Ansätzen“ und dabei zu „mehr oder weniger pessimistischen Ergebnissen“ kommt. Die Auslassung von Kapitel 6 vor diesem Hintergrund scheint erstaunlich. Denn dieses Kapitel widmet sich dem ersten der oben genannten beiden Parameter, also der Frage, inwiefern die Annahme einer anti-imperialen Stoßrichtung tatsächlich einen besseren Erklärungswert hat, als andere exegetische Positionen. In diesem Kapitel stelle ich dabei einen recht detaillierten Fahrplan für zukünftige Forschung auf, indem ich klassifiziere, für welche Phänomene (d.h. für welche Arten an Texten) es am wahrscheinlichsten ist, dass der Verweis auf eine Interaktion mit römischen Konzepten die beste Erklärung ist (pp. 140-145). In einem nächsten Schritt lege ich dann dar (pp. 146-155), wie diese Interaktion auf einen eventuell kritischen Gehalt untersucht werden kann, wieder unter Berücksichtigung der Vielfalt der Texte und der unterschiedlichen Überlegungen, die dafür nötig sind: Bei Begriffen, die direkt dem Sprachgebrauch des römischen Militärs entnommen sind, ist sicherlich eine andere Herangehensweise sinnvoll, als bei Wörtern, die aus der Septuaginta übernommen sind. In den Conclusions (pp.156-158) fasse ich dann nochmal zusammen, welche Varianten der grundsätzlichen Hypothese von Wright/Elliott generell plausibel sind und für welche Texte ich einen guten Erklärungswert sehe. Das ist natürlich durchaus eine Empfehlung, in welche Richtung Forschung auf der Grundlage meiner Analyse lohnend erscheint. Einen Weg will das also allemal weisen. Und ob meine Ergebnisse tatsächlich so „pessimistisch“ sind, ist natürlich Ansichtssache. Einerseits stimmt es, dass ich für viele klassische „anti-imperialen“ Texte recht vorsichtig bin und auf Faktoren hinweise, die eine solche Interpretation erschweren. Jedoch: Mein nicht so sehr auf Gefahrenvermeidung fokussierter Ansatz sensibilisiert für kritischen Subtext auch an Stellen, wo die offene Äußerung nicht direkt in Verfolgung gemündet hätte. Und dadurch kommen wiederum Texte in den Blick, die bisher überhaupt nicht im Fokus waren.

 

Nach der Zusammenfassung meiner Analyse beschreibe ich dann (pp. 158-160) an einem, eben solchen bisher kaum beachteten, Beispiel, welche konkreten Fragen in der exegetischen Beschäftigung beantwortet werden müssen. (2. Korinther 2,14 – die Rede vom römischen Triumphzug… sofern man diesen Bezug annehmen möchte). Auch das scheint mir eine recht spezifische Wegweisung zu sein – der ich übrigens an anderer Stelle selbst im Hinblick auf 2 Kor. 2,14 folgen möchte. Mit diesem Wegweiser in die ferne Zukunft, möchte ich diesen Beitrag beenden und verbleibe in freudiger Erwartung auf die Fortsetzung des gegenwärtigen Austausches.

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