Nicht die Menschheit, sondern dich!

Wieso ist es so schwer, die Menschen zu lieben,

aber so leicht, die Menschheit als solche?

Und wie gibt uns das Evangelium die Kraft, trotzdem die Einzelnen zu sehen?


Nächstenliebe und falsche Erwartungen


In Dostojewskys „Die Brüder Karamasov“ gibt es eine kurze Episode, die mich beim Lesen ins Nachdenken gebracht hat. Der Heilige Starez Sossima erzählt darin von einem Mann, dem er bei einer anderen Gelegenheit begegnet ist:


„[E]s war ein schon ältlicher und zweifellos gescheiter Mann. Er sprach ebenfalls aufrichtig wie Sie, wenn auch scherzend. Aber schmerzlich scherzend. 'Ich', spricht er, 'liebe die Menschheit, ich wundere mich aber über mich selber: je mehr ich die Menschheit im allgemeinen liebe, umso weniger liebe ich die Menschen im besonderen, das heißt im einzelnen, als einzelne Persönlichkeiten. Ich Gedanken bin ich nicht selten', spricht er, 'hingelangt bis zu leidenschaftlichen Vorstellung vom Dienst der Menschheit, und vielleicht wäre ich tatsächlich zum Kreuz geschritten, wenn das irgendwie plötzlich verlangt worden wäre – und dabei bin ich nicht imstande, zwei Tage lang mit irgendwem in einem Zimmer zu wohnen. Ich weiß das aus Erfahrung. Kaum kommt er mir nahe, sogleich drückt auch schon seine Persönlichkeit meine Selbstliebe und bedrängt meinen Freiheitswunsch. In einem Tag kann ich sogar den besten Menschen zu hassen anfangen.'“ (Fjodor Dostojewski, Die Brüder Karamasow, Übers. Karl Nötzel, Frankfurt/Main: Insel Verlag 1921, Neuaufl. 2008, S.98; kursiv durch mich)


In diesem ältlichen Mann ist mir ein unangenehmes Spiegelbild erschienen, das ich lieber nicht gesehen hätte. Aber jetzt, da ich es sehen musste, ist es wohl besser so, dass ich es sehen konnte.

An der Idee, die Menschheit als solche zu lieben, hat niemand sich jemals einen Anstoß genommen. Aber die Menschen selbst zu lieben fiel noch niemandem leicht.

Als ich über diesem „ältlichen und zweifellos gescheiten Mann“ in Dostojewskis Buch gestolpert bin, musste ich über meine eigene Motivation nachdenken, „die Menschheit zu lieben“, und wie schwer das umzusetzen ist. Und, wie so oft, hat mir Jesus einen Ausweg gezeigt.

Oder, wie ein guter Freund vor Kurzem zu mir gesagt hat: „Ich bin so verdammt dankbar für Jesus.“


Warum wir die Menschheit lieben wollen

In der Serie New Girl gibt es eine Episode, die mich ins nachdenken gebracht hat. Darin versucht einer der Charaktere, nachdem er wochenlang zwei Frauen gleichzeitig gedatet hat, mit ihnen geschlafen hat, und sich nicht entscheiden konnte, sich wieder zu vergewissern, dass er ein „guter Mensch“ ist. „Ich bin kein schlechter Mensch.“, sagt er immer wieder.

Diese Frage lässt ihn nicht mehr los. Erlösung findet er, als er einen Mann davor bewahrt, von einem Auto angefahren zu werden, und dieser ihm versichert, ein guter Mensch zu sein.

Dabei handelt es sich natürlich um eine Sitcom, und die Situation ist bewusst skurril gestaltet. Aber ich denke, ihr fehlt nicht auch eine gewisse Wirklichkeitsdimension. In einem faszinierenden Artikel in der WashPost schrieb vor kurzem eine Frau, dass sie gerne Christ sein würde, ohne den ganzen metaphysischen Quatsch mit Gott und Wundern glauben zu müssen.

Der Grund war, dass sie sich nicht einfach „gut fühlen“ wollte, sondern „gut sein.“

Der ältliche Mann in Dostojewskis Roman spricht von der „leidenschaftlichen Vorstellung des Dienstes der Menschheit“.

Es hat ja etwas heroisches, einer Frau zu begegnen, die mit Ärzte ohne Grenzen in Kriegsgebieten arbeitet. Wir wollen sie nur einmal berühren, dem Saum ihres Gewandes, das vielleicht etwas von ihrem Glanz auf uns abstrahlt.

Der allgemeine Dienst an der Menschheit hat etwas heroisches, weil er uns versichert, dass wir gute Menschen sind – das unser Leben in irgendeiner Weise zu einem größeren Ganzen gehört.

Und das ist einfach, weil die Menschheit als Einheit so groß und undefiniert ist, dass wir alles in sie hineinprojizieren können. Wir träumen davon, in Slums in Indien zu arbeiten, weil dort nur diese süßen Kinder mit den großen Augen leben, die uns umarmen, wenn wir auch nur einen Fuß in diese Wellblechhüttensiedlungen setzen. Es ist nicht das wirkliche Elend, das uns reizt, sondern die Vorstellung, ein Erlöser sein zu können.

Der ältliche Mann sagt, er wäre „tatsächlich zum Kreuz geschritten.“

Die Liebe zur Menschheit hat für ihn etwas mit einem Erlöserkomplex zu tun. Die Welt zu retten, die wir uns irgendwie romantisch angemalt haben, und dann wie die Avangers auf die coolsten Partys eingeladen zu werden. Oder von Scarlett Johansson ein Gute Nacht Lied gesungen zu bekommen.

Was uns denn in den Weg kommt sind echte Menschen. Wenn wir einem Obdachlosen in einem Akt schierer Selbstlosigkeit ein Zugticket kaufen (Geld geben wir ja nicht!), und er dann mit dem Ticket nicht in den Zug steigt, weil er eigentlich doch noch gar nicht fahren wollte.

Wenn wir dieser Organisation jeden Monat etwas von unseren Euros überweisen, und es kommt raus, dass sie die Hälfte von dem Geld für Werbezwecke einsetzen.

Wenn wir jemandem unser Handy leihen, und er telefoniert 10 Minuten nach Pakistan und wir bangen um unsere Handyrechnung am Ende des Monats.

Was erlauben die sich?

Ich wollte Erlöser sein – und der nutzt das aus.

Es ist an diesem Punkt, dass der ältliche Mann davon spricht, die Menschheit zu lieben, aber selbst den besten Menschen zu hassen.


Warum uns Jesus auffordert, den Menschen zu lieben

Nur ist es auch an diesem Punkt, dass ich an die Antwort Jesu denken musste, als er gefragt wurde, welches das höchste Gebot sei: Gott und den Nächsten zu lieben.

Was dem Fragenden nicht ganz einleuchten will. „Wer ist denn mein Nächster?“, fragt er, und meint eigentlich: „Ernsthaft jetzt? Wem soll ich denn dann alles helfen?“

Und Jesus erzählt die bekannte Geschichte vom sog. barmherzigen Samariter (Luk 10,25ff) und baut darin einen interessanten Gedankensprung ein. Tim Keller legt aus:


„Jesus [machte] einen Juden zum Opfer. Mit anderen Worten: Er forderte seine Zuhörer auf, sich vorzustellen, wie sie selber zum Opfer einer Gewalttat wurden und hilflos am Wegesrand lagen, mit dem sicheren Tod vor Augen, wenn dieser Samariter nicht anhielt und sich um sie kümmerte. Was hätten sie von dem Samariter erwartet, wenn sie selber in der Situation gewesen wären?“ (Keller, Timothy, Warum Gerechtigkeit?, Gießen: Brunnen 2012, S.80)


Während ich über das nachdachte, erinnerte es mich an zwei Dinge.

(a) Zum Einen ist die Haltung des ältlichen Mannes zwar weit verbreitet (zumindest wenn wir ehrlich zu uns selbst sind), aber sie beruht auch auf einem unheimlich überzogenen Selbstbild. Denn was genau sagt mir, dass meine Persönlichkeit nicht anderen Menschen noch mehr auf den Zeiger geht, als ihre Persönlichkeit auf meinen? Als ich über dieses Gleichnis von Jesus nachdachte, habe ich nicht nur versucht, mich in dem ältlichen Mann zu sehen, sondern auch mich in seinem Gegenüber, und den ältlichen Mann in den Menschen, die mich umgeben.

Dann ist es, wenn Menschen mich lieben, ein riesiges Geschenk. Und es macht ihre Persönlichkeit für mich umso erträglicher. Das bedeutet für mich, dass die Liebe anderer Menschen zu mir es mir einfacher machen, nicht einfach die Menschheit zu lieben, sondern wirkliche Menschen, so schwierig jeder von ihnen sein mag.

(b) Und dann ist da zweitens noch das größere Bild, das sich zu betrachten lohnt. Denn wenn wir uns an den Jesus erinnern, das diese Geschichte erzählt, dann werden wir auch daran erinnert, was es bedeutet, Menschen zu lieben, die uns nicht zurück lieben. Jesus hat hier nicht einfach ein luftiges Ideal aufgestellt, dem wir nachjagen, aber das wir nie erreichen können.

Jesus spricht aus Erfahrung.

Jesus mag die Welt als Einheit geliebt haben (Joh 3,16), aber nur mit dem Zweck, dass jeder Mensch – die einzelnen, chaotischen, ungeschickten, falschen, oftmals diebischen und mörderischen und aufständischen Menschen – Erlösung finden kann im Vertrauen auf das, was Jesus tut.

Jesus spricht aus Erfahrung, wenn er uns auffordert, die Menschen zu lieben, nicht die Menschheit, denn er wollte seine Kinder sammeln (Mt 23,37), aber diese Idee ist nicht auf große Gegenliebe gestoßen. Aber Jesus hört nicht auf zu lieben, sondern gibt sich sogar selbst.

Jesus kommt in diese Welt, die er nicht nur besitzt, sondern geschaffen hat, aber seine Geschöpfe haben ihn nicht gewollt, ihn ausgestoßen und ans Kreuz genagelt. (Joh 1,10ff)

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An diesem Punkt dachte ich daran, dass Dostojewski mir ein Problem aufzeigt, aber Jesus sich um mein Problem kümmert. Mir nicht nur Vorbild ist, Menschen zu lieben, selbst wenn sie so schwierig sind wie ich selbst, sondern er mir auch die Kraft dazu gibt.

Wenn wir den Gedanken vom zusammengeschlagenen Wanderer weiterdenken, der, vom Samariter in das Gasthaus gebracht, irgendwann wieder auf den Beinen ist. Lassen wir ihm auf dem Weg einen überfallenen Wanderer begegnen, der auf dem Boden liegt, blutend und Hilfe braucht:

Könnte unser Wanderer an ihm vorbeigehen?

So tun, als hätte er ihn nicht gesehen, weil er einen wichtigen Termin in der Stadt hat?

Jesus ist Vorbild.

Und Jesus schenkt Gnade.

Ein Leben aus der Gnade zu leben bedeutet, dass wir immer weniger annehmen können, etwas besseres zu sein als die chaotischen Menschen, die uns begegnen.

Ich will aus dieser Gnade heraus lieben, selbst wenn ich nicht von jedem zurück geliebt werde. Nicht, weil ich moralisch so ein Vorbild wäre, oder weil ich dadurch meinen Erlöserkomplex stillen kann.

Sondern weil ich so verdammt dankbar für Jesus bin.


Soviel für Heute,


Marcus-B.

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Kommentare: 2
  • #1

    Eva Müller (Donnerstag, 21 Mai 2015 21:28)

    Marcus, jetzt habe ich tatsächlich eine viertel Stunde lang zurück gesucht um diesen Beitrag wiederzufinden. Ich habe ihn gelesen und festgestellt: Du hast Recht. Eigentlich ist deine Erkenntnis ja nichts Neues, aber es ist so schwer, darin praktisch zu werden... Z. B. indem man jemandem sein Handy leiht und der dann....na, du weist schon!

  • #2

    Marcus (Freitag, 22 Mai 2015 09:48)

    Haha, so lange ist das ja noch gar nicht her, dass ich diesen Artikel geschrieben habe :) Genau eine Woche heute ;-)
    Das meiste auch was ich schreibe ist nicht neu. Eher vielleicht Verknüpfung zweier Gedankengänge, die mich inspiriert haben. Aber die Jesus-Nachfolge war wirklich nie etwas leichtes, und deswegen ist es wichtig, dass wir Jesus nicht "nur" als Erlöser sehen, sondern auch als Vorbild; genauso wie es falsch ist, Christus nur als "Vorbild" zu sehen, ohne die Kraft für die Nachfolge im Evangelium zu finden.
    Aber w e n n wir glauben, dass unsere ganze Existenz aus der Gnade fließt, die wir bekommen aber nicht verdient haben, dann kann uns die Gnade auch anleiten, anderer Leute Wünsche zeitweise über unsere eigenen zu stellen. Und darin mehr zu wachsen. Das hoffe ich zumindest.