gelesen & geschätzt (7/2015)

Immer wieder betrachte ich auch akademische Bücher in meiner Rubrik gelesen & geschätzt.

Christoph Heiligs Hidden Criticism ist ein außerordentlich bemerkenswertes Buch,

das an einem klaren Selbstverständnis hinkt, aber mir einen wichtigen Ertrag gebracht hat.



Auf eine Gleichung mit Caesar


Rezension zu: Heilig, Christoph, Hidden Criticism. The Methodology and Plausibility of the Search for a Counter-Imperial Subtext in Paul (WUNT II/392), Tübingen: Mohr Siebeck 2015


Vorbemerkung: Für diese Rezension hat mir der Verlag ein Rezensionsexemplar zukommen lassen. Ein großes Privileg, vielen Dank!


Wenn ich an dieser Stelle Bücher rezensiere, dann handelt es sich meist um Bücher, die direkt mit meiner Art zu tun haben, Spiritualität zu leben und zu entwickeln. Sie stehen sicher nicht immer in direkter positiver Verbindung. Es sind auch immer wieder Bücher dabei, an denen ich zu nagen hatte, oder die mich ganz einfach enttäuscht oder sogar wütend gemacht haben.

Aber hin und wieder reizen mich die luftigen Höhen akademischer Gedankengebäude zu sehr, als dass ich die Finger davon lassen könnte. Mehr noch so, wenn ich den Autor eines Werkes selbst kenne, und entsprechend persönliche Erfahrungen und Gesprächsfetzen mit den präsentierten Erkenntnissen verbinden kann.

Aber nicht nur geht es dabei um meine persönliche Freude und den Kontakt mit klügeren Menschen, den ich schätze, als auch um meine Überzeugung, dass Theologie nicht zu trennen sein sollte von unserer Spiritualität. Als Evangelikaler in der besten Tradition dieses Wortes ist die Bibel eben von entscheidender Bedeutung, wie ich Gott verstehe und wie ihm um die Botschaft von seiner Versöhnung mein Leben wickeln will. Ich wünsche mir, lebe für den Wert, dass diese Gedanken (auch hier auf dem Blog), nicht einfach meine eigenen lyrischen Ergüsse sind, sondern wurzeln in dem, was seit rund 2000 Jahren die Grundlage christlichen Lebens ist – die Bibel.

Allerdings sind das luftige, dogmatische Aussagen, nicht wirklich praktikable Anweisungen, wie der Zusammenhang von Theologie, Bibelwissenschaft und meiner Spiritualität eigentlich aussehen kann.

Christophs Buch war in diesem Sinne eine Herausforderung für mich. Und gleichzeitig, zum Schluss, auch genau darin einer Ermutigung.


Worum es in dem Buch eigentlich geht

Als Rachel Held Evans vor einiger Zeit gefragt wurde, wie sie das Evangelium eigentlich definieren würde, sagte sie: „the good news [is]that Jesus is Lord and Caesar is not.“ Und damit bringt sie einen breiten Konsens auf den Punkt, der in bestimmten Kreisen christlicher Frömmigkeit herrscht: Die Vorstellung, dass das Evangelium von Anfang an eine gegenkulturelle Komponente hatte, oder sogar im Kern gegenkulturell war. Diese Vorstellung basiert auf der Annahme, dass Paulus' sein Evangelium ganz bewusst im Gegensatz zum großen römischen Imperium definiert hat.

Natürlich, sagt man entsprechend, konnte er das nicht offen tun. Er konnte keine Pamphlete herausgeben, die den römischen Kaiser als „harfespielenden Arsch“ dargestellt hätten – wie Luther es dann Jahrhunderte später getan hat. Und so meint man, unterschwellige Kritik zu lesen, versteckt zwischen den Zeilen aber offen genug, dass die Leser von Paulus Briefen es ihrer Zeit erkennen konnten.

Diese Theorie ist nicht nur unter links-lastigen Evangelikalen verbreitet, die gerne eine globalisierungskritische Politik Jesu sehen wollen, sondern namhafte Exegeten wie zB N.T. Wright haben diese Position sowohl in akademischen als auch populärwissenschaftlichen Werken Bedeutung verliehen.

Christophs Buch befasst sich dabei nicht so sehr damit, diesen Ansatz an spezifischen Stellen zu überprüfen, als genereller die methodologische Grundlage zu überprüfen. Die Frage, die er stellt, ist: Mit welchem Recht können wir solche Subtexte in den Paulusbriefen annehmen? In wie weit sind sie objektiv nachweisbare Intentionen des Autors, oder eventuell nur unserer blühenden Fantasie entsprungen?

Zu diesem Zweck führt Christoph eine recht alte mathematische Gleichung aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung an, die sich Bayes Theorem oder Satz von Bayes nennt, und schon Mitte des 18. Jahrhunderts aufgestellt wurde.

Kurzgefasst sagt diese Gleichung, dass man die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses in Abhängigkeit eines anderen errechnen könne. Für Christoph scheint diese Gleichung angemessen zu sein, auch innerhalb der neutestamentlichen Wissenschaft angewendet zu werden. Speziell in diesem Buch wendet er sie bei unterschiedlichen Vertretern und methodologischen Überlegungen auf die Frage an, ob es einen rebellischen Unterton bei Paulus gibt, der das römische Imperium angreift.


Was mir an dem Buch aufgefallen ist

Auffällig an dem Buch ist sehr schnell die Courage, die dem Autor zu Eigen sein muss. Als „Erstling“ für einen Doktoranten im Bereich Neues Testament ist es durchaus mutig, sich nicht nur mit einem, sondern einer ganzen Reihe von „großen Namen“ im eigenen Fachbereich anzulegen.

Das bedeutet nicht, dass es waghalsig ist. Bei Hidden Criticism handelt es sich um ein hervorragend recherchiertes und sogar weg-weisendes Buch.

Wobei – und das ist vielleicht für mich am deutlichsten Hervorgetreten - es nicht wirklich einen Weg vorwärts weist. Eher weist es weg von momentan gängigen Ansätzen und überprüft sie auf ihre Plausibilität (Auchtung, Spoiler: mit mehr oder weniger pessimistischen Ergebnissen). In diesem Sinne liest es sich über lange Strecken mehr wie eine sehr spezifische Rezension, akademischer Art, die verschieden Werke unter einem bestimmten Gesichtspunkt – nämlich der Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Hermeneutik plausibel ist – untersucht.

Dabei hinkt es sehr stark daran, dass das Buch nicht wirklich zu wissen scheint, was es ist. Eine neue Methodologie will es bewusst nicht aufstellen (vgl. dazu die Selbstaussagen auf S. 159 u.a.). Eher will es als eine Interaktion mit einer namhaften Linie von Paulusinterpreten sein.

Doch dafür scheint es mir wesentlich zu spezifisch zu sein und zu sehr fokussiert auf die Anwendung einer mathematischen Formel, dessen Wert tatsächlich umstritten ist (vgl. den Exkurs S. 46Ff, in dem Christoph die Debatte „one of the the most debatet issues in the field“ nennt, aber gleichzeitig „most unnecessary“). Gerade die Etablierung des Satzesvon Bays für diese Thematik scheint mir aber von so essentieller Bedeutung für das Buch zu sein, dass der Exkurs von knapp drei Seiten eher wie ein Abwatschen als wie ein konstruktives Betrachten und Bedenken von Einwänden aussieht.

Es liegt weit außerhalb meiner Kompetenz, diese Problematik hier aufzulösen. Vor allem muss bedacht werden, dass diese Kritik den Wert des Buches nicht um geringsten mindert. Wenn man sich der Voraussetzung hingibt, den Satz von Bayes als Kriterium für die Paulusforschung gelten zu lassen, dann handelt es sich bei Hidden Criticism um ein außerordentlich bemerkenswertes Buch. Gerade Wright, mit seinem charismatischen Schreibstil, wird in vielen (semi-)akademischen Kreisen gerne verdächtig kritiklos übernommen. An diesem Punkt die substantielle Frage zu stellen, wie plausibel viele der grundlegenden Voraussetzungen sind, die er nur anreißt, ohne sie zu erklären, ist dringend notwendig.


Was ich auch dem Buch mitnehme

Interessant ist für mich vor allem auch immer, wo sich die akademische Welt und die evangelikale Spiritualität treffen. Man sollte nämlich nicht davon ausgehen, dass sie immer deckungsgleich sind, genauso wenig sollte man aber denken, dass sie völlig voneinander getrennt werden können. Es waren „Akademiker“ wie N.T. Wright, die die politische Interpretation des paulinischen Evangeliums der breiten Masse von christlichen Schreiberlingen bekannt gemacht haben. Jetzt sind es Akademiker, die diesen Ansatz weiterdenken oder hinterfragen.

Problematisch ist für mich bei der Lektüre geworden, wie kritiklos wir gerne eine Theorie übernehmen, wenn sie in unsere Wunschvorstellung passt. Wenn Rachel Held Evans auf die Frage, was das Evangelium ist, mit einem kryptischen Satz antwortet: „Jesus ist Herr, Caesar ist es nicht.“, dann nicken wir entrückt, weil es so … antik klingt. Aber die Frage, was das eigentlich bedeuten soll, stellen wir selten. Weniger noch stellen wir die Frage, ob das überhaupt stimmt.

Beim Lesen des Buches musste ich daran denken, dass mir während meines Studiums kein Ratschlag so oft gegeben wurde, wie der zur Vorsicht: Pass auf, dass das ganze akademische Zeug dir nicht deine Liebe zu Jesus raubt.

Oder deine Liebe zum Evangelium.

Oder deine Leidenschaft für die Gemeinde.

Christophs Buch hat mir diesen Punkt wieder vor Augen geführt. „Jesus ist Lord, Ceasar is not.“, klingt so griffig, und der Ertrag für eine Predigt und einen Blogartikel ist so schnell geschrieben. Aber eine Aussage wird nicht wahr, weil sie sich ausschlachten lässt. Sie wird nicht einmal dadurch wahr, dass sie Menschen irgendwie hilft, so schwammig wie dieses Kriterium ist.

Das Christentum allgemein und die evangelikale Spiritualität im Besonderem rühmt sich dessen, eine historischen Religion zu sein. Spätestens seit den Tagen Bultmanns sträuben „wir“ uns davor, zwischen einer historischen und einer dogmatischen Wirklichkeit zu unterscheiden. Wenn wir an einen Jesus glauben, dann wollen wir nicht irgendeinen, sondern den historischen, wirklich Jesus haben. Wir weigern uns, Briefen zu glauben, die schon in ihren Verfasserangaben wissentlich die Unwahrheit sagen.

Ich habe das immer für eine Stärke gehalten, einen wichtigen Teil meiner Spiritualität.

Christophs Buch ermutigt mich darin, diesen Punkt im Auge zu behalten: Nicht das, was sich einfach bloggen lässt, soll meine Spiritualität bestimmen,

sondern das, was am Nächsten an der Realität ist.


Soviel für Heute,


Marcus-B.

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Christoph (Donnerstag, 14 Mai 2015 16:21)

    Danke! Darauf muss ich etwas ausführlicher reagieren, als es in einem solchen Kommentarfeld möglich oder angemessen wäre. ;)

  • #2

    Marcus-B. Hübner (Donnerstag, 14 Mai 2015 16:54)

    Und den Raum sollst du bekommen :)

  • #3

    wrozka (Montag, 28 November 2016 16:29)

    obciec

  • #4

    sex telefon całodobowy (Dienstag, 29 November 2016 12:07)

    dydoląc

  • #5

    seks telefon (Dienstag, 29 November 2016 16:45)

    niewysalanie