gelesen & geschätzt (6/2015)

Im Kontrast zu Mike Birds Buch zeigt Jonathan Pennington,

was es bedeutet, akademisch zu arbeiten,

und dabei nicht die Auswirkungen der Ergebnisse aus der Leben mit Christus zu vergessen.

Das Evangelium und die Evangelien II

Rezension zu Pennington, Jonathan T., Reading the Gospels Wisely. A Narrative and Theological Introduction, Grand Rapids: Baker 2012

Wenn man versucht, seine eigenen stümperhaften oder glücklich-geglückten Versuche in den Fußstapfen Jesu zu tanzen an eine weitere Generation von Jesusnachfolgern weiterzugeben, lässt die Frage meist nicht lange auf sich warten, wie man als Nachfolger Jesu die Bibel lesen sollte.

Oder eher: Ob man sie lesen muss.

Meistens habe ich versucht, Leute auf die Evangelien zu verweisen, dort mit dem Bibelstudium zu beginnen und sich in konzentrischen Kreise fortzubewegen, sich auch in die anderen Gebiete der Schrift vorzuwagen, die schwieriger zu verstehen sind. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass das nicht weniger schwierig ist.

Jonathan Pennington befasst sich mit der Frage, wie man den Evangelien begegnet, in seinem gleichzeitig akademischen und pastoralen Buch Reading the Gospels Wisely.

Das Ziel – gerade diese Frage zu beantworten – wird nicht zuletzt von dem scheinbaren Graben angetrieben, der für viele zwischen dem liegt, was man gemeinhin unter Christentum versteht, und was in den Evangelien zu stehen scheint.

„I thought this Christianity thing was nice and simple as I had read in Romans – we’re sinners; we’re forgiven and justified by faith in Jesus! Get the abstract concept. End of story. Believe that, and don’t engage in premarital sex. Right? That’s Christianity, we sometimes think. But in contrast, the Gospels just don’t seem easy to interpret and transfer to others.” (S.37)

Mit dieser Ausgangsstellung geht Pennington in seine Vorstellung von einer “weisen” Interaktion mit den Evangelien, wobei ihm Jesu Parabel vom weisen und törichten Hausbauer am Ende der Bergpredigt als Ordnungsprinzip dient (Mt 7,24ff). So geht er von mehr oder weniger klassischen Einleitungsfragen in Teil I (Titel: Clearing Ground, Digging Deep, and Laying a Good Foundation) zu der Frage über, welche Methode man beim Lesen der Evangelien anwenden sollte in Teil II (Titel: Building the House through Wise Reading) und bespricht zum Schluss die Frage nach der Bedeutung der Evangelien für Leben und Lehre in Teil II (Titel: Living in the Gospels House).

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Die Unterschiede zu Michael Birds Buch (das ich an dieser Stelle vor einigen Tagen rezensiert habe) ist dabei gleich zu Anfang offensichtlich. Während Mike sich in erster Linie an den großen Fragen der Evangelienforschung abarbeitet, ist Jonathan ein ganzheitlicher Ansatz zu eigen, der aus der Erforschung der Evangelien ihre Anwendung auf das Leben des Lesers ziehen möchte. „Our hermeneutical approach and methods must be more than excavational; they must be personal and application driven.” (S.159)

Das macht sein Buch freilich nicht weniger akademisch. Das wird besonders in Kapitel 5 deutlich, wenn er brillant mit Fragen der historischen Jesusforschung, aufklärerisch-kritischer Bibelerforschung und anderen Themenfeldern der akademischen Evangelienkritik interagiert. Dabei zeigt sich nicht nur ein robustes Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Evangelien, sondern auch ein profundes Kennen verschiedener Themengebiete auf Jonathans Seite, die über klassische neutestamentliche Exegese weit hinausgehen. In der Interaktion mit moderner Epistemologie – hier vor allem mit einem schweren Aufstützen auf das Werk Alvin Plantingas – und psychologischen Erkenntnissen über Augenzeugen – natürlich auf den Schultern Richard Bauckhams ruhend (der auch Jonathans Doktorvater war) – zeigt er dabei, dass die Evangelien nicht nur als Zeugnisse gelesen werden wollen, sondern es auch sollten und dass Glaubwürdigkeit in diesem Sinne keine Naivität ist.

Was besonders hilfreich an Penningtons Buch war, was aber neben der fächerübergreifenden Anwendung der Fragestellung auf der weitere Horizont, den die Evangelienerforschung in seinem Buch bekommt, wenn man es in den direkten Vergleich mit Mike Birds Buch stellt.

Besonders bedeutend für mich war dabei der Fokus, den er auf die Narrativanalyse legt, wenn es um die Erforschung der Evangelien geht. Dabei wird die Frage in den Vordergrund gestellt, auf welche Weise die Autoren der Evangelien ihre Materialien anordneten, um einen (oder mehrere) bestimmte Punkte zu machen. In diesem Sinne eine Narrative zu formen ist nicht einfach ein Nebenprodukt, wenn man ein „Evangelium“ schreibt, sondern im Herzen des Autors die Intention hinter den Texten.

Mit diesem Fokus macht Jonathan allerdings keinen neuen Ansatz fruchtbar. Die moderne Narrativanalyse hat in der Evangelienforschung gerade grundsätzlich einen großen Boom. Aber gleichzeitig ist es Pennington zu verdanken, dass er diese wichtigen Gedanken nicht nur innerhalb der elitären Zirkeln promovierter Neutestamentler fruchtbar macht, sondern diese Gedanken auch für Laien oder Grundstudenten aufarbeitet.

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Es ist Pennington zu verdanken, dass er ein akademisches Buch geschrieben hat, das die Auswirkungen des Bibeltextes für das Leben mit Christus nicht nur „auch auf dem Schirm“ hat, sondern ins Zentrum seines Nachdenkens stellt. Diese Zielsetzung liegt natürlich am Autor. Und ich will auch nicht behaupten, dass jede Ausarbeitung in der WUNT Reihe an jetzt eine lange hermeneutische Reflexion über die Bedeutung der Ergebnisse für das Christenleben haben sollte.

Gleichzeitig scheint es mir so, als würde man dem Text der Bibel nicht gerecht, wenn man sie zu einem Objekt macht, das es zu sezieren gilt. Man wird ihm nicht gerecht, weil dieser Text etwas anderes sein will – und die Autoren selbst halten mit dieser Zielsetzung nicht hinterm Berg (vgl. Joh 20,31).

Pennington: „Reading the Bible, the key notion is to recognize that theology and divine action can (and even must) be allowed a role when one considers what history is.“ (S.96).

Im Text der Evangelien (und von ihnen aus, in konzentrischen Kreisen, in der ganzen Bibel) befinden sich Texte, die auf besondere Weise vom Geist Gottes eingehaucht sind, sein Leben und seine Wirkung tragen. Sie sind Wahrheit in der vollsten Bedeutung dieses Wortes, nicht nur weil sie zuverlässig sind, sondern auch, weil sie die Wahrheit erkennbar machen, nahbar machen. Um Wahrheit zu erkennen braucht es, und da sind wir uns denke ich einig, gesunde Methoden und nachvollziehbare Schritte, die zu gehen sind, um den Sinn eines Textes zu entschlüsseln.

Pennington zeigt in seinem Buch beides auf, ohne dabei weder in eine rein akademische Zirkeldebatte zu verfallen, noch in den stetigen und ermüdenden Praxischorus einzustimmen, der philsophische und theologische Reflexion auf ein Minimum beschränken will.

Jonathan Pennington macht aber mehr in seinem Buch. Und das ist der eigentliche Grund, wieso es von mir die verdiente volle Punktzahl bekommt.

„My desire for this book – more than that anyone be convinced of every detail […] – is that readers will be invited into the joy of studying the Gospels more deeply and more often. And most of all, my desire is that readers will be not merely hearers of but responders by faith to the clarion call of the love of God in Jesus Christ as presented in the Gospels.” (S. 258; kursiv durch mich)

Die Evangelien: Wir lesen, wir hören, wir antworten.

Und wieder von vorne.

Bis zur Ewigkeit.

Und dann endlich: Wir erkennen endgültig, wie wir erkannt sind.

Soviel für heute.

Marcus

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