Alles soll erleuchtet sein

Der letzte Teil meiner Reihe zu #CoramDeo.

Heute gehe ich der Frage nach, was dieses Konzept

mit meiner Weltanschauung macht. Wie sehe ich die Welt? Wo sehe ich Christus?

Die Entwicklung unserer Weltanschauung hat eine faszinierende Dynamik, die sich zwischen unserer Persönlichkeit und unserem Alltag entwickelt. Und weil unsere Persönlichkeit ja auch nicht mit unseren Genen festgelegt ist, sondern abhängt von unseren alltäglichen Erlebnissen, unserer Erziehung, Biographie, Bildung und den Personen, die einen Einfluss auf unsere Entwicklung haben, ist es schwierig zu sagen, man hätte nun endlich erkannt, wie die Welt läuft.

Als ich in den letzten Wochen über diesem Artikel saß, fiel mir oft die finale Szene im ersten Matrix Teil an, in dem Neo aufsieht, und nicht mehr die Menschenformen sieht, in die sich die Agenten kleiden, sondern nur noch „den Code“, das herunterlaufende grün-schwarze Kauderwelsch, das die Matrix ist. Es handelt sich um eine Schlüsselszene in der Entwicklung der Geschichte, weil Neo endlich „den Durchblick“ erhält, der dazu gehört, der Auserwählte zu sein.

Was mich an dieser Szene fasziniert, ist ihre Einfachheit. Zum einen hat der Film dem Zuschauer schon früh deutlich gemacht, dass die Realität, wie sie Neo und alle anderen von ihrer Geburt an wahrgenommen haben, eigentlich genau das nicht ist – Realität. Es handelt sich mehr um eine vergegaukelte Welt, die die Menschen am Schlafen halten sollte.

Die Realität ist Grün-Schwarz.

Für mich ist diese Szene symbolisch geworden, wenn ich tiefer verstehen will, was das Konzept Coram Deo mit meiner Art machen soll, wie ich die Welt betrachte.

Dabei bin ich nicht der Einzige, der das Leben mit Christus als Augenöffnend empfindet. Nicht erst die Hymnen der Kirchengeschichte haben dieses Bild aufgegriffen („I was blind, but now I see.“), sondern auch die Bibel enthält Zeugnisse von Menschen, die genau so empfunden haben. Wenn wir an Hiob denken, der sagt, dass er „nur vom Hörensagen“ Gott gekannt hat, „jetzt aber hat mein Auge dich gesehen.“ (Hiob 42,5; ELB).

Das bedeutet freilich nicht, dass ich damit behaupten will, Menschen die nicht mit Jesus auf der Reise Richtung Herrlichkeit sind wären alle blind, und würden nichts erkennen. Versteht mich nicht falsch. Nicht absichtlich, zumindest. Zuerst beschreibe ich einen Eindruck, den viele Menschen teilen, wenn sie zu einer tiefen geistlichen Realität durchdringen. Und das ist nicht unbedeutend. Der griechisch-orthodoxe Priester Kallistos Ware, der orthodoxe Studien an der Oxford University unterrichtet, sagte zum Beispiel: „Ein Christ ist ein Mensch, der wo immer er auch hinsieht, überall Christus sieht.“

Was ein faszinierender Gedanke ist, und eng zusammenhängt mit dem Konzept Coram Deo, von dem ich jetzt in den letzten Wochen geschrieben habe. Es beschreibt einen Übergang von der einen Art, die Welt wahrzunehmen, zu einer anderen. Aber ihr mögt das nicht als besonders Nachahmenswert empfinden. Wieso, um alles in der Welt, sollte ich überall Christus sehen wollen?

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Eine Antwort auf diese Frage habe ich in Melissa Raphaels faszinierendem Buch The Female Face of God in Auschwitz gefunden, was die erste feministisch-theologische Interaktion mit dem Holocaust-Trauma aus einer jüdischen Perspektive ist. Ziemlich speziell, gebe ich zu. Aber gebt mir das Vorschussvertrauen, es euch zu erklären.

Die jüdische Philosophie nach der Shoa versuchte, diese dunkelste Episode moderner Geschichte damit zu erklären, dass Gott in diesem Moment – zumindest zeitweise – Verborgen war. Gott, sagte man, musste in dieser Tragödie sein Angesicht verbergen, weil die Wahl des Menschen sonst nicht frei wäre. Und nur das freiwählbar Gute ist wirklich etwas Gutes.

Dort also, sagten jüdische Religionsphilosophen, wo die Shoa ihre furchtbarsten Ausmaße annahm, war Gott nicht zu finden. Er hatte sich, gewissermaßen, versteckt.

Doch sollte dieser Gedanke stimmen, wäre der Gedanke von Coram Deo ein Absurdum. Zugegeben ist das natürlich auch kein jüdisches Konzept. Aber die Antwort (Abewesenheit Gottes) auf Leid findet sich auch nicht nur in der jüdischen Religionsphilosophie. Die Frage ist nicht nur, wieso ich Gott sehen wollen sollte, sondern auch und vor allem, wie ich das tun kann, im Angesicht von Leid und Zerbrechen guter Ordnungen und Schönheit.

Doch sollte Gott in diesen schwierigsten Momenten wirkliche verborgen sein – schlimmer noch, sich selbst verborgen haben – wäre diese Düsternis wohl kaum zu ertragen. Nitzsche hat uns mit dem verrückten Mann vor Augen gemalt, dass eine Gesellschaft, in der Gott nicht existiert (zumindest nicht in der Vorstellungskraft ihrer Teilhaber) eine grauenhafte Gesellschaft ist. Solschenizyn soll sogar gesagt haben, dass das „Grundübel unserer Zeit“ sei, dass „die Menschen Gott vergessen“ hätten. Und sogar der aller christlichen Propaganda unverdächtige Gregor Gysi hat gesagt, dass in einer gottlosen Gesellschaft alle Wertmaßstäbe verloren gingen (Quelle).

Wenn das Gegenteil davon, Christus überall zu sehen, sein sollte, dass man Christus nirgends sieht, scheint mir das keine besonders reizvolle Alternative.

Melissa Raphael versucht in ihrem Buch den Gedanken der Verborgenheit Gottes aus jüdisch-theologischer Sicht zu widerlegen, und findet einen Ansatzpunkt in der Gemeinschaft der jüdischen Frauen in Auschwitz. Ausgehend von der orthodoxen Vorstellung, dass die Frau in der jüdischen Religion die Linie der Religionszugehörigkeit überträgt (nicht der Mann) zeigt sie in dem Versuch jüdischer Frauen in Auschwitz, Heimat für ihre Familie zu schaffen, den Versuch auf, Gott innerhalb der Düsternis darzustellen. Gott einzuladen sogar, sagt Raphael.

Nun will ich kein Werturteil fällen über jüdische und/oder feministische Theologie. Beide haben ganz sicher ihre Berechtigung und sind faszinierende Betätigungsfelder, aber ich habe wenig Expertise in irgendeinem von ihnen und manche Anfragen.

Was mich an Melissa Raphaels Buch fasziniert hat, war der Wunsch, die Leidenschaft gar, in der schwärzesten Finsternis das Gesicht Gottes zu erkennen. Und dass sie nicht aufgibt, bis sie es findet. Selbst wenn alle Anzeichen dagegen stehen, und selbst wenn die großen Stimmen ihr sagen, er sei nicht mehr zu finden.

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Warum soll ich Christus überall sehen wollen?, war die Ausgangsfrage zu dem kleinen Exkurs über jüdisch-feministische Theologie. Und alles davon steht unter der Frage, wie das Konzept von Coram Deo die Weise verändert, wie ich die Welt sehen will.

Warum ich Christus überall sehen will, hat zum einen die gleiche Antwort, wieso Neo in Matrix der Held ist, während Cypher bestenfalls ein mitleidiges Kopfschütteln bekommt. Cypher, der seine Crew verrät, weil er den einfachen Weg gehen will, mit dem Satz sein Schicksal mit dem Satz besiegelnd: „Unwissenheit ist ein Segen.“ Ich will Christus überall sehen, weil es zwar der schwierigere Weg ist, aber auch derjenige mit der größeren Perspektive. Wenn ich Christus überall sehe, dann sehe ich überall nicht nur die materielle Realität, fatalistisch eingezwängt zwischen Gesetzen des Universums und dem, was wir daraus machen, sondern sehe mittendrin auch die Hoffnung aufblitzen. Wenn Christus sagt, dass das Ende der Jetzt-Zeit nicht gekommen ist, wenn er noch bei uns ist (Mt 28,18), dann weiß ich, dass ich auch in der düstersten Situation Hoffnung finden kann – weil ich Christus sehen will, und wenn ich mich für einen Moment dazu zwingen muss.

Ich will Christus sehen, weil die größere Perspektive es Wert ist.

Die Realität ist grün-schwarz.

Und nicht nur will ich Christus sehen, weil es mir etwas bringt. Ich will Christus überall sehen, weil er überall ist. Weil er die Realität dahinter ist. C.S. Lewis ist bekannt dafür, dass er gesagt hat: „Ich glaube an Christus wie ich an die Sonne glaube. Nicht, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.“

Es ist in jedem wunderbaren Moment, Momenten der Ganzheit und Freude, und wo wir wirklich sind und nicht nur den Eindruck haben, vielleicht werden zu können, dass wir die Geschenke Gottes erkennen. „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter.“, schreibt der Bruder Jesu an die Gemeinden (Jak 1,17)

Nicht nur schenkt mir das Konzept Coram Deo eine größere Perspektive in Leid und Dunkelheit, es zeigt mir auch die größere Dimension, die ich sehen darf, wenn ich die guten Seiten des Lebens genießen darf.

Es ist in dem Moment, wenn eine gute Freundin auf deinem Sofa sitzt, ihr gemeinsam Wein trinkt, und du merkst, dass sie nicht gehen will, und du nicht willst, dass sie geht; wenn jeder Satz nicht die schwere eines philosophischen Gespräches haben muss, um eine wirkliche Tiefe auszudrücken, dass du merkst: Es ist nicht nur eine Gruppendynamik am Werk hier.

Gott ist hier.

Gott ist hier, weil ich vor seinem Angesicht lebe.

Gott ist hier, weil alles Gute von ihm kommt. Und das hier ist gut.

Gott ist hier, und darauf darf ich auch morgen vertrauen, wenn es düsterer wird.

Soviel für heute,

Marcus

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