gelesen & geschätzt (5/2015)

Die Evangelien zu studieren liegt am Herzen von akademischer Theologie,

die nicht nur an Erkenntnissen, sondern an geistlichem Wachstum interessiert ist.

Deswegen betrachte ich heute und nächste Woche zwei Einführungswerke zum Studium der Evangelien.

Die Evangelien und das Evangelium I


Rezension zu: Bird, Michael F., The Gospel of the Lord. How the Early Church Wrote the Story of Jesus, Grand Rapids: Eerdmans 2014


Vorbemerkung: In den nächsten zwei Wochen will ich zwei einleitende Werke in die Evangelienstudien rezensieren, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Es handelt sich bei beiden um akademische Werke, wobei die Zielgruppe eher Studienanfänger sind, als dass sie einen nennenswerten Forschungsbeitrag leisten. Ihre Herangehensweise in vielen Punkten ist aber sehr unterschiedlich.

Heute das neue Buch von Mike Bird.

Nächste Woche: Jonathan Pennington – Reading the Gospels Wisely


Wenn man sich lange genug in der akademischen Theologie bewegt – und dieser Anfangssatz soll nicht behaupten, dass ich mich in irgendeiner Weise zu „lange genug“ zähle – dann merkt man schnell, dass die verschiedenen Interessensgebieten, die das große Brouhaha auslösen, sich wellenartig ablösen.

Die letzten Jahre, oder Jahrzehnte, haben ein verstärktes Interesse an Paulusstudien gefunden. Von den Anfängen der sog. Neuen Paulusperspektive, in denen gleich alles über Bord geworfen werden sollte, was seit 500 Jahren das Paulusverständnis beschrieb, haben sich die Vertreter und Gegner angenähert, und wir sind bei einer apokalyptischen Lesart von Paulus gelandet, die niemand wirklich versteht außer Douglas Campbell.

Michael Bird, Professor für „Christian Theology“ in Melbourne, kann die Finger nicht davon lassen, sich im Feld „Neues Testament“ einzumischen (seine eigentliche Expertise liegt auch hier, auch wenn er eine andere Professur innehat), und hat ein neues Werk geschrieben, dass ich mit der Frage befasst, „how the early chuch wrote the story of Jesus“. Was soviel bedeutet wie:


Wie sind die Evangelien entstanden?

Welche Traditionen standen dahinter?

Und was ist überhaupt ein Evangelium?


Dabei ist ihm ein äußerst gut recherchiertes und sogar zeitweise unterhaltendes Werk entstanden, dem man allerdings die Hast, in der es geschrieben sein muss, abspürt, und das den Leser deswegen mit allerlei Fragen zurücklässt.


Ein hochqualitatives Einleitungswerk

Es gibt keinen Grund, hier eine Hagiographie über die Fähigkeiten von Michael Bird zu schreiben. Aber ernsthaft: Wie macht der das? Wenn ich darüber nachdenke, wie viel Zeit alleine das Aufschreiben meiner Gedanken in Anspruch nimmt (ganz zu schweigen von den Gedanken selbst!), dann frage ich mich wirklich, ob Michael Bird Schlaf braucht.

Birds neues Buch liest sich an vielen Stellen wie eine große Rezension. Alleine der Fußnotenapparat ist beeindruckend, die Bibliographie am Ende scheinbar länger als das ganze Buch.

Irgendwo zwischen seiner Hochzeit, seiner Promotion und der Geburt seiner Kinder muss Bird auf ein Geheimnis gestoßen sein, das seine Zeit maximiert und das er dem Rest der Welt vorenthält. Das, Mike, wäre mal ein Buch, das du schreiben solltest!

Aber Spaß beiseite: Dem Buch merkt man die akademischen Fähigkeiten seines Autors an. Indem er mit einer großen Bandbreite von neuen Themen in der Evangelienforschung interagiert und – meinem bescheidenen Urteil nach – auf erstaunlichem Niveau bewerten und ergänzen kann, wird man in wenigen Stunden Lesezeit auf den aktuellen Stand solcher Fragen gebracht wie: Gab es ein mündliches Urevangelium? Wie sieht es mit Jesustraditionen außerhalb der Evangelien aus? Was für ein Genre ist „Evangelium“ überhaupt? Finden sich in den vier kanonischen Evangelien historische Stücke, um einen vermeintlichen historischen Jesus zu rekonstruieren? Wie sicher ist die Zwei-Quellen Theorie, und welches Evangelium hat eigentlich welches benutzt?

Hilfreich wäre es vielleicht noch gewesen, wenn es ein zusammenfassendes Kapitel am Ende gegeben hätte. In der jetzigen Form tritt man quasi aus einer hochakademischen Diskussion direkt in die frische Luft und weiß zu erst gar nichts mit sich anzufangen, weil die angeregten Gedanken erst einmal selbst geordnet werden müssen.


Einige bedenkenswerte Anfragen

Natürlich weiß ich, dass auch Mike Bird, dessen Tag offensichtlich 40 Stunden hat, nicht alles lesen kann. Aber dennoch war es für mich etwas verwunderlich zu sehen, dass zB in der Frage nach dem Verhältnis von Johanneischer Frage und Synoptischem Verhältnis (also, wie hängen Mt, Mk und Lk mit dem Joh zusammen) das Werk von Dr. Philipp Bartholomä nicht einmal Erwähnung findet.

Und das, obwohl Bird eine erstaunliche Kenntnis des Forschungsstandes von Dr. Armin Baum zeigt, der Bartholomäs Doktorvater war.

Das finde ich schon deswegen etwas verwunderlich, weil PB in seinem Werk einige hervorragende methodologische Grundlagen gelegt hat, die den Vergleich von Redestücken im Johannesevangelium und den Synoptikern über die simplizistische Wortübereinstimmung hinaustragen würde. Was Bird Ansatz entgegenkommen würde:


„Rather then crassly harmonizing or explaining away these differences, we may choose to act with a higher respect for our canonical Gospels by letting John be John without trying to Synopticize him.“ (S.193)


Das ist dabei nur ein Beispiel, wo mir die Unausgewogenheit der Diskussionspartner im Buch aufgefallen sind. Offensichtlich hat sich der Autor sehr stark an den namhaften Forschern mit einer großen, internationalen Reputation orientiert, und interagiert mit ihrer Forschung. Das ist natürlich an sich nichts Falsches, und mir als Student durchaus nahe, aber die frischen, neuen Ansätze in der Forschung sind dabei oft außen vor gelassen. Die gewichtigen, alten Forscher sind einfach meistens schon genau das, alt. Das ist nichts schlechtes, darin liegt eine ganz eigene Qualität der Forschung, die mit Weltwissen und Lebensweisheit zu tun hat. Oft hätte ich mir in dem Buch aber mehr Mut zu „Außenseiterpositionen“ gewünscht, und die Hybris, auch mal andere Forscher zu zitieren als Jimmy Dunn, Richard Bauckham und E.P. Sanders (so sehr ich die Jungs auch mag. Vor allem Jimmy Dunn. Was für ein Kerl!).

Darin liegt auch das vielleicht tieferliegende Problem begraben, das ich beim Lesen des Buches hatte. Alles in ihm spricht von einer recht traditionellen Herangehensweise an die Fragen, die an die Evangelien gestellt werden. Fragen, die die Forschung stellt, werden von Bird fachmännisch beantwortet. Dabei fehlt mir aber eigentlich, dass die Evangelienforschung – die nach Birds Prophezeihung vor einem neuen Hoch steht (vgl. S. viif) – in eine neue Phase bringen könnte. Das versprochene Hoch wird sicher nicht davon kommen, dass man die alten Fragen einfach wieder neu, oder gleich, beantwortet.

Die Welle der Paulusstudien kam mit E.P. Sanders Hinweis, dass das Judentum, von dem Paulus spricht, vielleicht nicht so gesetzesfixiert war, wie es Luther sich vorgestellt hat. Wenn das stimmt, haben sich die Forscher gedacht, dann müssen wir unser ganzes Verständnis der paulinischen Briefe überdenken.

Ein solcher frischer Ansatz fehlt mir in Birds Buch. Ich erwarte nicht, dass er hier ein mit Sanders Paul and Palestinian Judaism vergleichbares Werk abliefert. Aber frische Ansätze in der Evangelienforschung, die eine solche Welle auslösen könnten, sind durchaus vorhanden und bieten spannende neue Betätigungsfelder. Pennington reißt einige davon in seinem Buch an, das ich an dieser Stelle nächste Woche rezensiere.

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Für Birds Buch gilt, dass sich die Zeit, es zu lesen durchaus lohnt. Es ist ein erstklassiges Werk, um in die gegenwärtige Forschung einzusteigen.

Gleichzeitig gewinnt man den Eindruck, dass der Autor sich beim Schreiben nicht mehr Zeit gelassen hat, als der durchschnittlicher Leser braucht, um es durchzulesen. Teilweise sind auch Nummerierungen nicht durchgängig gesetzt (da springt man von Unterpunkt I zu III und I hatte die Unterunterpunkte 1, b und 3), was vielleicht auch ein Hinweis an Birds Lektor ist.

Gleichzeitig ist dieses Buch zwar teilweise von einer erstaunlichen Tiefe gekennzeichnet, an anderen Stellen bleibt es aber oberflächlich. Vor allem bezweifel ich, dass dieses Buch in der Lage sein wird, eine neue Welle von Jesusforschern voranzutreiben.
Es ist eher ein Brett, der sich bereit macht, auf der erwarteten Welle der Veröffentlichungen mitzuschwimmen.

Dafür aber ein Hevorragendes.


Soviel für Heute.


Marcus

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