Ich bin immer noch irgendwie hier.

Ich in der Gegenwart Gottes. Immer noch.

Was #CoramDeo mit meiner persönlichen Spiritualität zutun hat.

Ein öffentliches Gebet.

#CoramDeo und meine persönliche Spiritualität


In einer Version des Jesus Culture Songs „You won't relent“ singt Kim Walker-Smith an einer Stelle, spontan, wie es scheint: „I don't want to talk about you like you're not in the room. I want to sing right to you.“ Der Gedanke hat mich irgendwie fasziniert. Weil er so gut zu dem passt, was ich versuche mit dieser Reihe über das Coram Deo Konzept zu erreichen. Zu verstehen, dass wir jeden Atemzug in der Gegenwart Gottes machen ist so weit, so tief, aber es hat nicht unbedingt einen Einfluss auf unser Privatleben, und auf die Art, wie wir unsere Spiritualität gestalten.

Und das ist die Stoßrichtung, in die ich mit diesem dritten Teil meiner Reihe gehen will (Teil I und Teil II findet hier hier), nämlich der Frage nachgehen, was dieser Gedanke mit meiner Geistlichkeit macht.

Ich habe mich, ob des Liedes von Kim, entschieden, diesen Artikel als Gebet zu schreiben, das ich an Gott richte. Ihr dürft natürlich gerne mitlesen.

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Manchmal frage ich mich, warum du eigentlich immer noch hier bist. An den meisten Tagen habe ich nicht den Eindruck, dass ich irgendetwas tue, das dich dazu bringt, hier zu bleiben. Ich meine, ich weiß, es geht gar nicht um das, was ich tue. Es geht mehr um das, was du getan hat. Wahrscheinlich hält dich das hier. Ich bin es zumindest nicht.

Aber dann, in den letzten Wochen, wache ich meistens auf für eine andere Realität. Dass nämlich die Frage nicht ist, wieso du immer noch hier bist, sondern mehr, dass ich immer noch hier sein darf. Vor deinem Angesicht.

Es ist ja nicht so, dass du irgendwann in mein Leben getreten bist, und ich vorher in deiner Abwesenheit gelebt habe. Es ist mehr so, dass mich deine Anwesenheit jetzt nicht mehr erschreckt, sondern ich erkennen darf, dass ich hier in das Ebenbild von Jesus verwandelt werde; dass ich hier stehen darf, weil Jesusgenug war. Und dass es keinen Ort gibt, an dem ich nicht vor deinem Angesicht stehe.

Aber hier, vor deinem Angesicht, merke ich, dass ich Veränderung brauche. Wenn ich bei jedem Atemzug hier stehe, vor dir, dann weiß ich, dass ich mich danach sehne, von dir verändert zu werden, und wirklich mehr und mehr deinem Sohn zu entsprechen. Bebo Norman singt einmal „Instead of anger, instead of unbelieve, instead of the weakness in tis heart of me, instead of a wounded soul, that sometimes looses faith – I hope you see Jesus.“

Und gleichzeitig: Bitte, Gott, verändere mich.


Verändere mich – kann ich dafür danken?

Brett McCracken stellt diese Herausforderung an mich in seinem Buch Gray Matters die mich nicht mehr loslässt, seitdem ich sie gelesen habe: In seiner Zusammenfassung am Ende stellt er 20 Fragen, die man sich stellen sollte, wenn man Kultur genießt. Zwei Fragen haben es mir dabei angetan: „Have I thanked God for this?“ und „Would I be embarassed to thank God for this?“ (Pos. 3374)

Also, dann, Gott. Ich wünsche mir Veränderung. Ich wünsche mir, dass sich mein Fokus immer mehr verändert. Dass ich mich weniger Frage, ob etwas Spaß macht (was ja keine schlechte Frage ist), als mehr, ob ich mich wirklich darüber freuen kann, wenn ich mir bewusst bin: ich sehe mir das an vor deinem Angesicht. Du siehst mir dabei zu – bist du stolz? Freust du dich, wenn ich das hier esse, wenn ich das schreibe oder lese oder singe?

Vor ein paar Tagen habe ich einen Mann gesehen, der einen anderen gefragt hat, wie es ihm geht. Eine alltägliche Situation, du warst ja dabei, Gott. Was mich fasziniert hat, was die Antwort des Mannes: „Nicht so gut. Aber ich bin trotzdem dankbar.“

Du weißt, dass damals einige Gedanken über mir eingebrochen sind. Diese Antwort war so schlicht, und so einfach, und so tief.

Ich wünsche mir eine solche Veränderung, Gott. Ich will nicht einfach mein Verhalten modifizieren, sodass es den gegenwärtigen Konventionen entspricht. Und noch weniger möchte ich ein Leben führen, das sich immer nimmt, was es bekommen kann. Gott, ich wünsche mir, dass du mir das Herz veränderst, dass ich dankbar bin, für das, was ich hab. Und wofür ich nicht dankbar sein kann, was mich beschämt, wenn ich mir deiner Gegenwart bewusst werde, das nimm weg, versteckt es, lass es mich nicht finden.

Früher haben wir am Ostersonntag immer Ostereier in unserer Wohnung gesucht. Das war so ein spannendes Erlebnis. Überall waren Süßigkeiten, von denen ich viel zu viele gegessen habe. Das Witzigste war aber eigentlich, wenn man im September hinter einem Stapel Büchern ein Nougat-Ei gefunden hat, oder eines mit Krokant (das hat es immer Mutti bekommen). Ich will nicht, Gott, dass es so ist mit den Dingen, für die ich nicht dankbar sein kann. Dass ich sie in ein paar Monaten wiederfinde, und sie dann wieder Raum in meinem Leben einnehmen – mehr als sie sollten.

Kuyper sagt, dass es in der ganzen Schöpfung keinen Quadratzentimeter gibt, über die dein auferstandener Sohn nicht ausruft, es gehöre ihm.

Ruf es auch über mir aus! Und alles was bleibt, Gott, lass mich dankbar dafür sein. Es kommt doch von dir, und es soll mich zu dir führen. Und ruhelos ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir.


Wecke mich auf – danke, dass ich danken kann!

Dann denke ich noch an einen ganz anderen Satz. In dem alten Schlager „Danke für diesen guten Morgen“ gibt es diese Zeile: „Danke, dass ich danken kann.“ Ich weiß noch, dass ich als Kind immer gedacht habe, dabei gehe es um die Stimme. Also eher: „Danke, dass ich weiß, wie man das Worte 'Danke' ausspricht.“

Aber es ist mehr dieses Bewusstsein, dass all das Gute hier von dir kommt. Und dass es mehr als genug davon gibt, um dankbar zu sein.

Nicht, dass unser Leben immer geradlinig verfolgt. Es steuert ja nicht wie ein Pfeil auf die Mitte einer Schießscheibe zu. „Das Leben läuft nicht geradeaus, sondern dreht sich zu Sonne hin.“ Und manchmal verrenken wir uns bei der Drehung.

Aber in allem drehen wir uns mehr zu dir. Und erkennen, mit jedem Zentimeter der Drehung, mehr, was es bedeutet, hier in deiner Gegenwart zu sein. Dann hier bist du, und wenn Gott da ist, dann ist eben Gott da.

Und in alledem weiß ich genau, dass es gut ist. Nicht, weil es so ist, wie ich es mir vorstelle. Sondern weil es so ist, wie du es geplant hast. Oder, eigentlich weiß ich das nicht. Zumindest nicht immer. Aber ich wache immer mehr auf für diese Realität. Je mehr Tage, Monate und Jahre ich mit dir unterwegs bin, desto mehr darf ich zurücksehen und erkennen, dass du die Puzzelteile zusammengesetzt hast.

Vor ein paar Jahren habe ein großartiges Gebet gehört, das mich seitdem begleitet. Es ging darin darum, dass du vor uns hergehst, damit wir wissen, wo es langgeht; dass du neben und gehst, damit wir nicht fallen, sondern du uns hältst; und dass du hinter uns hergehst, damit du das Chaos aufräumen kannst, das wir beim Laufen hinterlassen.

Aber hier, je mehr ich aufwache für diese Realität, dass du nicht in mein Leben trittst, sondern, dass ich vor deinem Angesicht stehen darf, desto mehr wird mir bewusst: Hier ist es gut zu sein. Und hier beginne ich zu erahnen, dass alles, was von dir kommt, gut ist.

Nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.

Aber wer bin ich schon? 25 Jahre alt, Student ohne große finanzielle Mittel, einen bescheidenen Blog. Wer bin ich schon?

Und wer bist du?

Gott. Der gut, allmächtige Gerechte. Der ewige Nahe. Der immer kommende und schon immer Anwesende.

Augustinus hat es ja gesagt. Ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet bei dir. Und alles, weil du uns auf dich hin geschaffen hast.

Mein Leben soll nicht von dir reden, Gott, als wärst du nicht hier, als müsste ich aus der Ferne jemanden beschreiben, auf dessen Ankunft ich hoffe.

Mein Leben soll von dir reden, weil ich vor deinem Angesicht lebe. Und hier dankbar sein kann. Dass ich überhaupt hier sein darf, und dass deine Gnade mich verändert.


Danke, mein Gott.


Soviel für heute.

Marcus


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Kommentare: 2
  • #1

    Krischan (Samstag, 21 März 2015)

    So will ich auch Theologie treiben! Sie ist mir zu oft einfach nur über Gott geschrieben.
    So fern, als ob er nicht gleizeitig da wäre.
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    So will ich auch Theologie treiben! Sie ist mir zu oft einfach nur über Dich geschrieben.
    So fern, als ob DU nich gleichzeitig da wärest!

  • #2

    Marcus (Dienstag, 24 März 2015 09:27)

    Ja, richtig! Gleichzeitig bietet es ja vielleicht auch eine Möglichkeit, sich selbst verantwortlich zu halten, wenn man über Gott redet.
    Zu fragen: Rede ich über ihn? Oder mit ihm? Würde ich das auch sagen, wenn ich überzeugt wäre, er ist hier?
    Weil er das ist.
    Danke!