gelesen & geschätzt (4/2015)

Vor ein paar Tagen hat eine junge Frau zu mir gesagt: "Ich würde nie ein Buch über Alzheimer lesen."

Warum ihr es doch tun solltet.

Und warum ich Still Alice für ganz ganz große Literatur halte.

Bin ich immer noch ich?


Rezension zu: Genova, Lisa, Still Alice, New York: Simon & Schuster 2007


Nicht, dass ich eigentlich etwas zum Inhalt des Buches sagen müsste. Durch die Verfilmung der Geschichte mit Julianne Moore in der Hauptrolle (für den sie, endlich, verdient, den Oscar bekommen hat) ist es gerade sowieso schon in vielerlei Munde.

Aber für aller Anderer Münder: In Still Alice geht es um die Harvard-Professorin Alice Howland, Professorin für kognitive Psychologie mit dem Fachgebiet der Sprachkompetenz und -entwicklung, die zu Beginn des Buches, gerade Anfang 50, mit Gedächtnisproblemen zu kämpfen hat. Recht bald im Buch wird sie mit der Alzheimer Erkrankung diagnostiziert, einer früh-einsetzenden Form. Den Rest der Geschichte verfolgt der Leser Alice und ihre kleine Familie – ihr Ehemann John, Biologieprofessor in Harvard, und ihre drei erwachsenen Kinder Anna, Lydia und Tom – wie die Krankheit sich ausbreitet und Alice gemeinsam mit der Familie versucht, damit zu leben.

Das Buch ist wahrscheinlich deswegen besonders, weil die Autorin selbst einen Doktortitel in Neurowissenschaft von der Harvard Universität erworben hat. Entsprechend authentisch und genau scheinen die Beschreibungen zu sein, die die Entwicklung der Krankheit betreffen. Außerdem beeindruckt mich, dass Lisa dieses Buch selbst veröffentlicht hat, als sie erst keinen Verlag gefunden hat. Durch den überraschenden Erfolg, der vor allem auf Mund-zu-Mund Propaganda und einer einschlagenden Rezension im New Yorker beruhte, hat der große Verlag Simon & Schuster die Rechte später gekauft und es einer noch breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht.

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Um es kurz zu machen: Ich habe Still Alice geliebt. Man findet selten ein Buch, das man auf dem Bahnsteig lesen kann, während man aus seinem Thermobecher Kaffee trinkt, und dabei sogar den Güterzug nur verschwommen wahrnimmt, der an einem vorbeirauscht, weil das Buch einen eingesogen hat.

Das hat vor allem daran gelegen, dass ich die Figuren sehr gemocht habe.

Alice ist eine wunderbar sympathische Person. Und dadurch, dass es ihre Geschichte ist, erzählt aus ihrer Perspektive (wenn auch aus einem 3. Person Erzähler heraus, nicht aber allwissend), ist die Geschichte gleichzeitig bitter und mit einem unheimlich lebensbejahenden Ton geschrieben. Die Diagnose ist hart, aber Alice als Person will leben, liebt leben, und würde den Teufel tun, dieses Leben aufzugeben. Die Liebe zu ihrer Familie – und ihrer Familie zu ihr – wird mehr als deutlich,was den Leser schon hin und wieder zu Tränen rühren kann. Nein wirklich: In der Mensa vor einigen Tagen hab ich gelesen und musste damit kämpfen, nicht anzufangen zu heulen. Was irgendwie wirklich peinlich geworden wäre, in der Mensa.

Grundsätzlich merkt man dem Buch aber an, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt. Abseits von Alice sind die Figuren meistens recht hölzern. Die charakterlichen Unterschiede zwischen den Kindern werden erwähnt, aber es gelingt Lisa nicht wirklich, sie auch auszuarbeiten. John als Figur wird in der Geschichte natürlich gebraucht, und seinen Kampf zwischen seinen eigenen Wünschen und Plänen, und seiner Liebe zu Alice, nimmt man ihm durchaus ab. Am Ende eiert er aber meiner Einschätzung nach zu sehr herum, steht irgendwie zwischen den Stühlen, was seinem Charakter sonst so gar nicht entspricht. Dabei hatte ich den Eindruck, dass sich die Autorin einer klaren Entscheidung entziehen will, weil es einen schwierigen Konflikt bedeutet hätte, der eine der Figuren weniger sympathisch gemacht hätte.

Grundsätzlich merkt man dem Buch die Erstlingsarbeit gerade deswegen an, dass alle Figuren irgendwie sympathisch sind und es offensichtlich auch sein sollen. Ein Debütroman sollte nicht voller Antipoden sein, die man am liebsten an die Wand klatschen möchte. Gleichzeitig macht es das Buch auch weniger realistisch, weil es eine zu utopische Sicht auf zwischenmenschliche Beziehungen wirft. Was nicht heißt, dass das Buch dadurch schlecht wird, weit davon entfernt. Die Kraft der Geschichte liegt vielleicht nicht in seinen Charakteren, dafür aber in den wichtigen Fragen, die sie aufwirft.

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Ist Alice immer noch Alice (was der Titel uns ja zu sagen scheint)? Man sollte hier auch das Wortspiel mit Alice und Alive (engl.: lebendig) betrachten. Denn mit den Seiten merkt man deutlich, dass Alice lebendig ist, aber dass sie immer weniger die Person ist, die sie einmal war. Kurz vor Schluss, in einem lichten Moment, spricht sie mit ihrem Mann (den sie zu diesem Zeitpunkt nur noch „the man who owns the house“ nennt):


„She wanted to tell him everything she remembered and thought, but she couldn't send all those memories and thoughts, composed of so many words, phrases, and sentences, past the choking weeds and sludge into audible sound. She boiled it down and put all her effort into what was most essential. The rest would have to remain in the pristine place, hangig on. 'I miss myself.' - 'I miss you, too, Ali, so much.' - 'I never planned to get like this.' - 'I know.'“ (S.284f)


Die Frage, die das Buch dem Leser stellt, und den es nicht gehen lässt, ohne dass er sie beantwortet hat, ist: Was macht aus einem Menschen eine Person?

Wann ist ein Mensch nicht nur biologisch ein Zugehöriger zur Spezies Homo Sapiens, sondern ist ein Individuum, eine Person?

Ist es das, was sie kann? Das, was er tut?

Sind es die Menschen um sie herum? Die Menschen, die ihn lieben?

Oder sind es ihre Biographie, seine Erinnerungen?

Wieso bin ich, Marcus, eigentlich ich, Marcus? Und wieso bist du du?

Und, schwieriger noch: Wenn ich eine Antwort auf diese Frage gefunden habe – was ist, wenn mir diese Antwort genommen wird? Kann sich ein Mensch neu erfinden? Oder hört Alice auf, Alice zu sein, irgendwann zwischen dem nicht-wissen, ob sie Tee oder Kaffee mag, und dem Moment, an dem sie ihre eigene Tochter nicht mehr erkennt?

Keine dieser Fragen ist einfach zu beantworten. Und wahrscheinlich lassen wir sie auch zu wenig an uns heran. Meistens leben wir unser Leben vor uns hin, weil wir sicher sind, dass wir irgendwer sind. Die einfachen Antworten in unserem Kopf lassen die Stimmen erstummen, die uns die Fragen nach der eigenen Identität manchmal stellen.

Es ist die Aufgabe der Kunst – Malerei und Literatur, Musik und darstellende Künste – uns die großen Fragen des Lebens zu stellen. Und gleichzeitig schaffen sie um uns herum die Sicherheit, die Fragen zu stellen, eine Art geschützten Raum. Denn die Fragen werden nicht uns gestellt – es sind der Werther, Raskolnikov und Wendy, es sind der Denker, oder die Frau vor dem Sonnenaufgang, es sind Theaterdirektor Hassenreuther und Mutter Courage, die die Fragen gestellt bekommen, beantworten müssen, und viel zu häufig daran scheitern.

Und sie lassen uns mit einem Gefühl der Transzendenz zurück; der Deutlichkeit um uns herum, dass das menschliche Wesen mehr ist als seine Biologie, und auch mehr als seine Biographie. Wir erkennen nicht, aber beginnen zu erahnen, dass die Antworten auf diese Fragen wichtig sind, und nicht aufgeschoben werden sollten.

Nur unsere Leidenschaft, nach Antworten zu suchen, vergeht schneller als wir „Kabelfernsehen“ sagen können.

Bücher wie Still Alice tragen diese Fragen an uns heran. Und deswegen sind sie wichtig, sind sie erstklassig, deswegen stechen sie hervor aus der Masse von Literatur, die jedes Jahr veröffentlicht wird. Es mag nicht die größte Spannung sein, es mag nicht zuckersüß sein wie Nicholas Sparks oder sicher und gruselig wie Jeffery Deaver.

Aber diese Bücher stellen uns wichtige Fragen.

Und geben uns den Moment zum durchatmen, um die Fragen an uns heranzulassen.


Danke, dafür, Lisa.


Soviel für Heute.


Marcus

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