Was soll daran gut sein?

Immer von Gott beobachtet zu werden,

klingt eher nach Big Brother, als nach Big Blessing.

Warum es großartig ist, immer vor Gottes Angesicht zu stehen.

Der Ausgangspunkt für #CoramDeo


Vorbemerkung: Eigentlich sollte es diese Woche schon um das Konzept #CoramDeo und seine Auswirkung auf unsere persönliche Spiritualität gehen. Dieser Artikel (schon geschrieben) ist auf nächsten Freitag verschoben, weil es mir nicht unwichtig erschien, diesen grundlegenden Artikel erst zu schreiben – wieso ist #CoramDeo eine gute Nachricht?


Vor ein paar Jahren bin ich ohne Vorwarnung in eine skurrile Situation geschlittert. An einem Tag erzählte mir ein Freund, dass er am Abend vorher die Bibel gelesen hatte. Das war nicht ganz die normale Nachricht, die ich von ihm bekam, weil wir selten über Glauben und Spiritualität sprachen. Und wenn, dann waren es meisten ziemlich hitzige Diskussionen.

Aber am Abend vorher, erzählte er mir, hatte er aus einem unerfindlichen Grund den Impuls verspürt, seine Kommunionsbibel herauszukramen und darin zu lesen.

Der Zufall wollte es, dass er bei Psalm 139 landete.

Schön, denkt der christlich sozialisierte Teenager. Weil er an „Wo ich auch stehe“ denkt, und alle die schönen Lieder, die davon singen, dass Gott immer da ist. „Ich bin nie allein.“, ist ja auch eines der wichtigsten Glaubensbekenntnisse in den meisten Jugendgruppen.

Aber mein Freund konnte in diesem Psalm wesentlich weniger warme Worte sehen. „Das ist total gruselig.“, sagte er mir damals. Und dass er sich richtig gefürchtet hat, dass das stimmen könnte. Wenn Gott wirklich immer da ist, ihn sogar ins Todesreich verfolgen würde, das wäre für ihn keine besonders gute Nachricht, sagte er mir. Gut, sagte er, dass er daran ja gar nicht glaubt.

Kannst du mir erklären, wieso du so etwas schön findest?“

Was ihn offensichtlich gepackt hat war ein kurzes Aufblitzen von Sündenerkenntnis in seinem Leben. Was ein sehr wichtiges Gefühl ist in einer evangelikalen Spiritualität. Und was auch den Coram Deo Gedanken prägt.

Ich musste, als ich diese Woche über diesem zweiten Artikel meiner kleinen Reihe über Coram Deo gesessen habe, oft an diese Begegnung denken. Und deswegen möchte ich heute ein paar Gedanken einschieben, wieso, und auf welche Weise, Coram Deo zu einer guten Nachricht werden kann.


Wieso Coram Deo wie eine schlechte Nachricht klingt.

Nun, gebe ich zu, das für west-europäisch erzogene Menschen nicht immer ganz einfach, eine Sündenerkenntnis zu empfinden. Wir sind ja mit dem Gefühl aufgewachsen, dass wir eigentlich ganz gut sind. Rousseau'istisch (und ich weiß, dass das kein wirkliches Wort ist. Aber lasst es für den Moment mal geschehen, in Ermangelung einer besseren Alternative) werden wir von unserem ersten Atemzug damit gefüllt, dass wir eigentlich Engel sind, rein und gut, solange uns die Gesellschaft nicht korrumpiert. Und ich will auch niemandem diese Illusion nehmen.

Gleichzeitig glaube ich, dass es den meisten Menschen nicht schwer fallen wird, sich vorzustellen, dass das Coram Deo Konzept ohne ergänzende Gedanken durchaus gruselig wirken kann. Wer will denn gerne immer beobachtet werden bei allem, was er tut?

Vor ein paar Tagen habe ich in der Pause ein Klatschmagazin gelesen, weil auf der Titelseite eine Schauspielerin abgebildet war, die ich eigentlich sehr mag, und ich gerade Pause hatte, und im Aufenthaltsraum diese Zeitschrift herumlag (ihr merkt, da kamen einige Komponenten zusammen). In dem „Artikel“ ging es darum, dass sie sich in einer schweren Depression befindet – vermutlich – und das diese von dem Umstand kommt, ständig im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein. „Arme Frau“, dachte man danach. Und gleichzeitig kam das ungute Gefühl, dass man durch das Lesen dieser Zeitschrift zu genau diesem Umstand beigetragen hat.

Was geht es mich denn an, was diese Frau außerhalb ihrer Filme macht?

Und auch wenn die meisten von uns im Stillen davon träumen mögen, berühmt zu sein (oder dass zumindest ihr Blog mal die vierstellige Besucherzahl durchbricht), sind wir uns bewusst, dass dieser Schleier der Anonymität, unter dem wir an düsteren Tagen leiden mögen, an den meisten Tagen eher wie eine warme Decke ist.

Das liegt daran, dass wir gar nicht so traurig darüber sind, hin und wieder unsere Fehler verstecken zu können. Als Alice in dem wunderbaren Roman Still Alice herausfindet, dass sie Alzheimer hat, kommen ihr solche Gedanken im Bezug auf ihren Ehemann.


„She looked up at John, his eyes patient, waiting for an answer. How could she tell him she has Alzheimer's disease? He loved her mind. How could he loved her with this?“ (Lisa Genova, Still Alice, New York: Pocket Books 2007, S.78)


Das liegt daran, dass wir selbst von den Menschen, die uns am engsten stehen, befürchten, dass sie uns verurteilen, wenn sie unsere düsteren Seiten kennen. Wir erleben es anders, immer wieder. Aber die Grundhaltung, dass wir uns beweisen müssen, bleibt zumindest unterbewusst bei uns vorhanden.

Der Gedanke, dass Gott immer Anwesend ist, wenn wir tun und lassen, was wir den ganzen Tag eben so treiben, hat dann etwas gruseliges. Nicht nur, weil wir viele Stunden unseres Tages mit Sinnlosigkeiten verbringen, sondern vor allem, weil wir dann nicht mehr verstecken können, was wir selbst den engsten Freunden nicht preisgeben.

Vor Gottes Angesicht treten ist dann für den Christen etwas, das man gerne hin und wieder macht – an Lobpreisabenden, oder am Sonntag morgen –, eine Quelle vielleicht von Zuversicht und Annahme. Aber definitv nicht, wessen wir uns ununterbrochen preisgeben wollen.

Coram Deo bedeutet aber, dass wir zu jeder Minute unseres Lebens vor Gottes Angesicht stehen, dass wir hier leben, und durch die Verbindung mit Jesus auch nicht mehr davon wegkommen.


Wieso Coram Deo etwas Großartiges ist

Wie kann es dann etwas schönes sein, wenn wir vor dem Angesicht Gottes leben, weben und sind (Apg ), und das er sieht, was wir tun und lassen?

Eine positive Sicht auf Coram Deo hängt wohl eng damit zusammen, wie wir vor das Angesicht Gottes treten. Oder besser: Auf welchem Wege.

Denn wenn unsere Grundvoraussetzung ist, dass Gott schon einigermaßen zufrieden sein wird mit uns, mit unseren tollen Leben hier im Westen, mit Reichtum und Lust, aber ohne Verantwortung, dann lassen wir die Gottesvorstellung lieber aus unseren Lebensplänen hinaus.

Es ist das, was der „verrückte Mann“ in Nitzsches schauriger Erzählung kritisiert. Mit dem Tode Gottes – unseres Zugrabetragens der Verantwortung vor einer Macht, die über uns steht – haben wir auch den Horizont weggewischt; jede Möglichkeit, des Vorankommens, weil das Ziel nicht mehr klar ist, und weil wir die Hoffnung auf ein besseres Morgen verlieren.

Aber wenn es ein anderer Weg ist, auf dem wir vor das Angesicht Gottes treten, kann es mehr Freude bedeuten, als dass es Scham und vielleicht Schrecken bedeutet.

Nachdem der Autor des Hebräerbriefes davon geschrieben hatte, dass Jesus selbst den Himmel durchschritten hat für uns, und dass er genau wie wir war – unser Stellvertreter – nur ohne Sünde, sodass wir ohne Sünde vor Gott treten dürfen, schreibt er: „Lasst uns also freimütig hintreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden und uns zu geholfen werde zur rechten Zeit.“ (Heb 4,16, Zürcher Bibel).

Das bedeutet, dass die Coram Deo Realität daraus folgt, dass wir „freimütig“ vor Gottes Angesicht treten dürfen.

Aber dieser „Freimut“ kommt nicht von irgendwoher, und auch nicht, weil wir uns dazu zwingen. „Sei freimütig, verdammt. Das haben schon ganz andere geschafft.“

Er kommt aus dem Bewusstsein heraus, dass Christus uns überschattet. Vor dem Angesicht Gottes stehe ich nicht als Marcus – behaftet mit Fehlern, gedrängt dazu, sie zu verbergen und das perfekte Leben vorzuspielen. Vor dem Angesicht Gottes stehe ich als der Mann, zu dem mich Gott geschaffen hat.

Oder besser, zu dem mich Gott jeden Tag neu schafft durch seinen Heiligen Geist in mir. Jeden Tag ein Schrittchen weiter.

Denn wenn ich, im Vertrauen darauf, dass Jesus für mich gestorben ist, und meine Sünde getragen hat (1Kor 15,3b), vor den Thron der Gnade trete, dann erlange ich Barmherzigkeit, dann finde ich Gnade und dann bekomme ich Hilfe zu der Zeit, in der ich sie brauche; was, um ehrlich zu sein, wahrscheinlich jeden Tag der Fall ist.

Und da haben wir diese unschlagbare Schönheit des Coram Deo Gedankens. Denn er lässt mich nicht einfach nackt und beschämt vor Gott stehen, ängstlich fragend, ob ich alles richtig gemacht hat. Er kleidet mich in die drei größten Worte, die unserer Seele gut tun – Barmherzigkeit, Gnade, Hilfe.

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Es bleibt also, bei diesem Gedanken, die Frage stehen, auf welchem Wege ich vor das Angesicht Gottes trete. Nicht die Frage, ob ich es tue.

Versuche ich hier mein zerlumptes Hemd zusammenzuhalten, irgendwie zu verstecken, was Gott schon lange gesehen und gefunden hat?

Oder komme ich mit leeren Händen, freimütig, weil ich weiß, dass die gefüllt werden mit Barmherzigkeit, Gnade und Hilfe?

Versuche ich, gerecht zu spielen?

Oder vertraue ich darauf, durch Jesus gerecht gesprochen zu werden?

Versuche ich, es zu machen?

Oder lasse ich es gemacht sein.

Von Christus.

Für mich.

Vor dem Angesicht Gottes.


Soviel für heute.

Marcus


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