gelesen & geschätzt (3/2015)

War Muhammad ein gewalttätiger Tyrann? Oder ein gutmütiger Religionsstifter?

Karen Armstrong versucht sich an einer Biographie,

die uns viel über uns sagt, aber wenig über den Anderen.

Wir nennen es Geistlichkeit.


Rezension zu: Armstrong, Karen, Muhammad. A Prophet for Our Time, San Francisco: HarperOne 2007


Gute geisteswissenschaftliche Bücher fallen meistens in zwei Kategorien. Da sind einmal die Bücher, bei denen man dem Autor abspürt, dass er sich wirklich Mühe gegeben hat. Mühe hat nichts mit der Qualität der Arbeit zu tun. Gut ist es dann, weil der Autor sein Bestes gegeben hat, und wir es zumindest unterbewusst wertschätzen wollen.

Und dann gibt es diese Bücher, bei dem man dem Autor seine schiere Brillianz von der ersten Seite an abkauft. Die Art, wie mit Quellen umgegangen wird, und eigene, große Gedanken präsentiert werden, ist so einzigartig, dass der Leser sich dem Strudel der Intellektualität erst einmal hingeben will, bevor er anfängt, das Gelesene kritisch zu reflektieren.

Karen Armstrongs Bücher gehören für mich in die zweite Kategorie. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich auch nur die Hälfte von den Gedanken überzeugend finde, die sie präsentiert. Aber ich weiß, dass ich immer etwas zu bewegen, zu grübeln habe, wenn ich ihre Bücher lese.

Mit ihrer Muhammad-Biographie hat sie 2007 eine Neubearbeitung des Stoffes gewagt, den sie schon 1991 in ihrem Buch Muhammad. A Biography of the Prophet verarbeitet hat. Damals hatte Khomeini gerade Salman Rushdi für vogelfrei erklärt, und ein Kopfgeld von ca. einer Million Dollar auf ihn ausgesetzt, weil er in Die Satanischen Verse ein literarisch-aufgearbeitetes, sehr kritisches Muhammad-Bild gezeichnet hatte. Karen schreibt:


„I abhorred the fatwah and believed that Rushdie had a right to publish whatever he chose, but I was disturbed by the way some of Rushdie's liberal supporters segued from a denunciation of the fatwah to an out-and-out condemnation of Islam itself that bore no relation to the facts.“ (S.6)


Gleiches, schreibt sie, erlebte sie nach den Anschlägen vom 11.9.2001, was sie dazu bewegte, das gleiche Material neu aufzuarbeiten und der Frage nachzugehen, ob Muhammad ein „gewalttätiger Mann“ war, wie immer wieder behauptet, und welche von den vielen Vorwürfen gegen den Gründer des Islams stimmen, und welche nicht. Dabei ist dieses Buch keine einfache Neuauflage des Buches von 1991. Vielmehr sichtete sie das gleiche Material neu und schrieb ein neues Buch, mit dem gleichen Fokus.


Ein sehr west-europäischer Versuch...

Auf der einen Seite fällt auf, dass Karen ein beeindruckendes Wissen über die Zeit und Kultur auf der arabischen Halbinsel hat, in die hinein Muhammad die Offenbarung für den Qur'an empfangen hat. Das ist so ziemlich was ich meine, wenn ich von Armstrongs schierer Brillianz spreche. Tatsächlich muss man nämlich sagen, dass sie zwar einen Lehrstuhl für Religionswissenschaft innehatte, nie aber einen offiziellen akademischen Titel für diese Arbeit erworben hat. „Sie ist ja nicht vom Fach.“, hat vor einigen Tagen ein Freund zu mir gesagt.

Und das ist gleichzeitig zu erfrischend wie problematisch. In der Marburger Universitätsbibliothek hat jemand an die Wand auf der Herrentoilette geschrieben: „Academia is for knowledge, what prostitution is for love.“ Unterhaltsam fand ich, dass jemand „Prostitution“ durchgestrichen hatte, und „Marriage“ dazugeschrieben hatte.

Akademische Arbeit und Wissen gehen oftmals Hand in Hand. Gleichzeitig hat die Akademie ihre Grenzen, selbstauferlegt, weil sie nach bestimmten Maßstäben zu funktionieren hat. Diese machen sie belastbar, nachvollziehbar, geben ihr den faszinierenden Geruch von Allgemeingültigkeit, nach dem wir alle suchen. Aber dadurch verschließt es sie hin und wieder davor, den Wald zwischen den ganzen Bäumen zu sehen.

Karens Muhammad ist auf eine faszinierende Weise ein menschlicher Prophet, voller Schwächen und Schwierigkeiten, ein Kind seiner Zeit. Dadurch wird er einem west-europäisch gebildeten, geistlich-orientierten Menschen wie mir unheimlich sympathisch. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Karens Verständnis von Geistlichkeit ein sehr individualistisch geprägtes, west-europäisches ist. Es geht um mich, die Transzendenz, und was wir daraus machen. In diesem Sinne ist Muhammad in Karens Buch auch nicht in erster Linie Offenbarungsträger, oder Siegel der Propheten, sondern ein besonders geistlicher Mensch, in enger Verbindung mit der transzendenten Wirklichkeit, der versucht, anderen Menschen auf ihrem Weg der Geistlichkeit zu helfen (vgl. die Zusammenfassung auf S. 202)

Entsprechend ist der Endnoten-Apparat auch gefüllt mit akademischen Titeln auf der einen Seite, und mit Qur'an Zitaten auf der anderen. Karen rekonstruiert entsprechend den Lebensweg des muslimischen Propheten anhand aufklärerischer, akademischer Arbeit, und auf der anderen Seite anhand des Qur'an, ihrem heiligen Buch.


...der seine Schwächen hat.

Und das ist vielleicht auch ihre größte Schwäche. Die New York Times schreibt, dass „Karen Armstrong's short biography […] a good place to start“ ist, wenn man daran interessiert ist, „how the vast majority of the world's Muslims understand their prophet and their faith.“ (Backcover). Aber gerade dabei habe ich meine Bedenken. Zumal es die „große Mehrheit der Muslime“ gar nicht gibt.

Vielmehr liegt aber das Problem wohl darin, dass sie versucht, eine völlig anders geartete Kultur mit den Mitteln der eigenen Kultur zu verstehen. Weil für „uns“, im Christentum, zumindest in ihrem protestantischen Zweig, die Bibel als zentraler Bezugspunkt gesehen wird, wie wir Jesus und Glauben verstehen (sozusagen: unser Muhammad), deswegen wendet sich Karen auch an den Qur'an, um zu verstehen, der Muhammad war. Gleichzeitig gibt es die vielen Gelehrten unserer Zeit, die sich mit dem historischen Jesus beschäftigen, den sie vom dogmatischen/kerygmatischen Christus trennen wollen. Also betrachtet Karen akademische Bücher, die Muhammads sogenannten Sitz im Leben rekonstruieren wollen.

Dabei mag sie sich dem historischen Kern nähern, der im Zentrum des Islams liegt. Aber es hat nur noch sehr rudimentär etwas damit zu tun, welche Sicht „der Großteil der Muslime“ auf Muhammad hat. Abgetrennt von der Sunna (die islamische Tradition), in mit einer zutiefst von westlicher Gelehrsamkeit geprägten Spiritualität macht sie Muhammad damit für einen west-europäischen Humanisten zugänglich. Mehr Verständnis für eine Religion, die so bedeutend ist für das Weltgeschehen, und doch so anders als meine eigene, schafft sie nicht.


Fazit

Das an sich scheint mir nicht unheimlich Schlimm zu sein. Wenn es Karen Ziel gewesen wäre, genau das zu tun, dann hätte sie eine erstaunliche Arbeit abgelegt. Nachdem ich vor einiger Zeit Salman Rushdies Werk gelesen habe, und jetzt Karens Ansatz, kann ich mit Sicherheit sagen, dass mir Muhammad wesentlich sympathischer ist, als mit den ganzen Vorurteilen, die vorher in meinem Kopf herumgeisterten.

Schwierig ist nur, dass sie das eigentlich nicht will. Sie sagt ausdrücklich, dass ihr Zeil ist, das Verständnis für islamische Spiritualität zu wecken. Und das scheint mir mit dem Buch nicht erreicht worden zu sein. Mehr sollte man dann vielleicht zu Tariq Ramadans Werk In the Footsteps of the Prophet greifen, der selbst in der Sunna und gleichzeitig der westlichen Aufklärung gelehrt ist.

Wer aber überdrüssig ist, viele Vorurteile über Muhammad zu hören, aber wenig über ihn in seinem Kontext zu wissen, sollte zu diesem „sympathetic profile“ greifen, das „a portrait of a very human prophet“ zeichnet (Wall Street Journal, Frontcover).


Soviel für heute.

Marcus

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