Die Essenz des christlichen Lebens

Wieso fühlt sich die Nachfolge meistens an wie eine Fernbeziehung,

und nicht wie eine funktionierende, florierende Ehe?

Und was uns das Konzept #CoramDeo dabei beibringen kann.


Einleitende Gedanken zum Konzept #CoramDeo


Vorbemerkung: In diesem ersten Teil einer kleinen Reihe möchte ich euch mit dem Konzept „Coram Deo“ bekannt machen. Nächste Woche werde ich einige Gedanken dazu aufschreiben, wieso dieses Konzept mir in meiner eigenen Spiritualität hilft, weiterzukommen, und im dritten Teil werde ich einigen Fragen begegnen wollen, wieso dieses Konzept auch unseren Blick auf die ganze Welt beeinflussen kann und sollte.


Er hat mich angesehen und ich wusste in dem Moment, dass er Jesus nachfolgen möchte. „Aber Marcus, ich spüre ihn meistens nicht. Meistens“, sagte er mir, „bin ich gar nicht sicher, dass er wirklich hier ist.“

Dieses Gespräch hat mich jetzt seit einiger Zeit verfolgt. Nicht nur, weil mit der junge Mann, der mir das gesagt hat, wirklich ans Herz gewachsen ist, sondern auch, weil es nicht das erste Mal war, dass mir jemand diesen Gedanken gesagt hat. Nachfolge scheint für uns etwas zutiefst damit zu tun haben, dass wir uns der Präsenz Gottes in unserem Leben bewusst sind.

Ich gestehe, dass ich Orange is the new Black gesehen habe. Zumindest die erste Staffel habe ich gesehen, und trotz mancher sehr expliziter Darstellungen, auch genossen. Danach fehlte mir einfach die Zeit, es weiter intensiv zu verfolgen. Aber die Geschichte ist anziehend, spannend, und an vielen Stellen wirklich tief. In der ersten Staffel gab es eine Szene, die mich sehr bewegt hat. Piper hatte ihren Verlobten Larry gebeten, Mad Men nicht weiter zu gucken, solange sie im Gefängnis war. Sie wollte lieber gemeinsam mit ihm die Serie gucken, wenn sie wieder draußen sei. Und Larry stimmt zu. Natürlich stimmt er zu. Jede Serie ist besser, wenn man sie gemeinsam guckt. Alleine macht einfach weniger Spaß.

Aber während die Tage und Wochen vergehen, und Piper sich mehr und mehr zurückzieht, damit im Gefängnis zumindest ihre Seele keinen bleibenden Schaden nimmt, nimmt auch Larrys Durchhaltevermögen immer mehr ab. Bewegend war die Szene, wie er Abends am Fernseher sitzt, durch die Kanäle schaltet und bei Mad Man hängen bleibt. Kurz denkt er darüber nach, ob er es wirklich gucken soll.

Aber Piper ist ja nicht da.

Und wer soll ihm schon einen Vorwurf machen?

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Eine Beziehung aufrecht zu erhalten, wenn viele Kilometer dazwischen liegen, ist wesentlich schwieriger, als wenn der geliebte Mensch in der gleichen Wohnung wohnt. Es braucht mehr Energie, mehr Arbeit, um dabei auf eine seelische Art intim zu bleiben. Es braucht Technologie, oder zumindest schnelle Brieftauben, und es braucht den unbedingten Willen, die Überzeugung, dass es sich lohnt, an dieser Beziehung festzuhalten.

Und offensichtlich ist es mit unserem Leben als Christ nicht anders. Es ist ja nicht so, dass wir die Idee von einer Neuschaffung aller Dinge nicht irgendwie anziehend finden. Jeder, der sich schon mit dem Tod auseinander setzen musste, weiß, dass hier irgendetwas nicht stimmt, sehnt sich danach, dass es anders sein könnte. Klar, die Idee, dass am Ende alles gut sein wird, ist schön.

Auch, dass wir nicht perfekt sind, eher das genau Gegenteil, ist jedem Menschen in seinen dunklen Stunden schonungsloser Ehrlichkeit schon bewusst geworden. „Wenn Perfektion ist, was von mir gefordert wird, dann weiß ich, dass ich nicht bestehen kann.“ In diesen Momenten zu wissen, dass jemand für mich perfekt war, dass jemand meine Fehlerhaftigkeit getragen hat, ist mehr Hoffnung als mein Verstand begreifen kann. Keine Botschaft hat je mehr Kraft in sich getragen als die, dass wir uns ins selbst sündiger sind als wir gedacht hätten, aber in Christus geliebter, als wir jemals zu hoffen gewagt haben.

Aber alles das macht es nicht einfacher, als Christ zu leben; es wird nicht einfacher dadurch, dass wir die Theologie schön, angenehm, anziehend finden.

Wir haben nämlich dennoch jeden Tag mit uns selbst zu kämpfen.

Unserer Unzufriedenheit, die wir auf andere abwälzen.

Unserer Schwachheit, mit der wir uns selbst und andere verletzen.

Mit unserem Stolz, der uns immer wieder sagt, wir könnten es selbst schaffen, wir könnten uns ein kleines Königreich bauen, das unseren Namen trägt. Und das bleibt.

Länger bleibt als wir.

Etwas muss uns daran erinnern, dass es sich lohnt, für diese Beziehung mit Gott auch zu kämpfen, um Intimität zu ringen, und auch Energie und Zeit hinein zu investieren.

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Die Reformatoren haben einen Gedanken entwickelt, den sie Coram Deo nannten. Im Angesicht Gottes. Darin enthalten war das Verständnis, dass das Leben des Christen sich vor dem Angesicht Gottes abspielt. Jede Minute und jeder Gedanke findet dort statt. Gerhard Ebeling nennt den Coram Deo Gedanken sogar das „Stichwort, das Luthers Art zu denken von der Wurzel her zu charakterisieren vermag“ (Ebeling, Gerhard, Luther. Einführung in sein Denken, Tübingen: Mohr 1964, S.220). R.C. Sproul wiederum antwortet auf die Frage, was der Kerngedanke des „christlichen Lebens“ ist, ebenfalls mit dem Coram Deo Gedanken. „I said, 'The big idea of the christian life is Coram Deo. Coram Deo captures the essence of the christian life.“ (Sproul, R.C., In the Presence of God, Nashville: Thomas Nelson 1999, S.xii)

Während ich in den letzten Woche darüber nachgedacht habe, was das christliche Leben lebenswert macht, die Schwierigkeiten, die damit einhergehen, überwindbar, oder zumindest aushaltbar, war es meistens das Konzept von Coram Deo, das sich mir aufgedrängt hat.

Wenn ich, als Christ, mein Leben im Angesicht Gottes lebe, dann scheint es mir vor allem ein Privileg zu sein, an diesem Ort zu sein, wo Gottes Gegenwart immer vorhanden ist. Ebeling schreibt aber darüber, dass Coram Deo nicht einfach eine Ortsbestimmung ist, wie sich Stuhl und Tisch in einem Raum zu einander verhalten. Es geht um eine Verhältnisbestimmung, die Raum und Zeit überschattet, weil wir mit Gott in Beziehung stehen, und er Raum und Zeit mit einem Wort erschaffen hat. „In Anwesenheit eines andern bin ich von ihm irgendwie beansprucht, aber auch er von mir. Beides gilt: Er ist in meiner Gegenwart und ich bin in seiner Gegenwart.“ (S.222)

Dieser Gedanke hat mich fasziniert in letzter Zeit. Damit ist nicht gemeint, dass Gott sich ändern würde, wenn er in meine Gegenwart tritt. Zumal er ja sowieso schon immer dort ist. Mehr bekommt die Realität Bedeutung, dass Gott da ist. Anwesend ist. Ich in seiner Gegenwart, und er gleichzeitig nicht entrückt, irgendwo anders, sondern hier, in meinem Leben und ich einen Hohenpriester habe, „der in allem auf gleiche Weise versucht worden ist, aber ohne Sünde.“ (Heb 4,15b; Zürcher Bibel)

Das ist die Immanenz Gottes, seine Gegenwärtigkeit – sowohl räumlich, als auch zeitlich verstanden – die mich das Christenleben durchhalten lässt, und mir immer wieder, gerade, wenn ich es brauche, diese Momente gibt, die man Seelenspeise nennen könnte.

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Wenn ich den Coram Deo Gedanken ernst nehme, dann merke ich, dass ich die ganze Frage mit der Nachfolge vielleicht falsch angegangen bin ich den letzten Wochen und Monaten. Vielleicht ist es nicht die Frage, wie wir in der Nachfolge an diese Punkte kommen können, in denen wir Gottes Gegenwart erkennen, sondern dass wir beginnen zu erkennen, was schon die ganze Zeit da ist.

Deswegen möchte ich mir die nächsten zwei Wochen Zeit und etwas prosaischen Raum nehmen, um an dieser Stelle darüber nachzudenken, was der Coram Deo Gedanke für unsere persönliche Nachfolge bedeuten kann, und wie er einen Einfluss darauf haben kann, wie wir die Welt sehen.


Das sei es für heute.


 

Marcus

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